Martin Gaedt nervt mit seinen 44 Fragen zum Fachkräftemangel

Martin Gaedt
Martin Gaedt

In seinem Buch Mythos Fachkräftemangel zog er der Arbeitsmarkt-Propagandamaschine die Fratze vom Gesicht. Allzu lange hatten Ingenieur-Verbände, große DAX-Konzerne und Arbeitgeber mit Besetzungsproblemen die Politik weichgekocht, um ihre spezifischen Interessen zu vertreten. Nach dem Erscheinen des Buches ging er auf Vortragstour bis in die entlegensten Winkel der Republik und hatte immer drei Dinge dabei.

Einen Laptop, viele bunte Slogan-Karten und eine gelbe Tonne für Bewerbungsabsagen.

Er macht weiter und geht mit seinen 44 Fragen zum Fachkräftemangel den Arbeitgebern auf die Nerven. Mit voller Absicht. Hier ist sein Erfahrungsbericht von seinem Workshop in Hannover.

Die Bewerbertonne
Die Bewerbertonne

Liegt es am Fachkräftemangel oder am beschränkten Suchfeld? 44 Fragen

Gepostet am 6. April 2016 in Blog, Hintergrundgeschichten, Meine Meinung, on Tour

Dienstag in Hannover. Ich leite einen Workshop zur Fachkräftegewinnung mit gestandenen Unternehmerinnen und Unternehmern im Einzelhandel. Es geht ihnen wirtschaftlich richtig gut. Sie machen Millionen Euro Umsatz und beschäftigen hunderte Mitarbeiter. Sie arbeiten hart für ihren Erfolg. Und sie verbindet ein Problem: Fachkräfte kommen nicht mehr in Scharen. Die Berge von Bewerbungen sind nur noch eine verblassende Erinnerung an die ‚guten alten Zeiten‘. Ich komme schnell zur Sache: „Wer Fachkräftemangel hat, ist selbst schuld. Wer nur das macht, was alle machen – zum Beispiel langweilige Stellenanzeigen – bekommt auch nur die, die alle bekommen. Was machen Sie anders? Wie unterscheiden Sie sich? Sind Sie für Bewerber magnetisch?

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Ich arbeite gerne an der frischen Luft. Dann werde doch Gärtner!

In die angeregte Diskussion mischt sich ein kritischer Ton: „Herr Gaedt, haben Sie schon mal im Einzelhandel gearbeitet?“ „Nein.“ Seine Miene verfinstert sich. Was kann der uns beibringen? Trockene Theorie ohne jeden Praxisbezug. Der Ärger spricht aus seinem Gesicht. Was soll dabei herauskommen? Seine Skepsis wächst. Und das zeigt er mir auch deutlich. Ich verteilte unkommentiert meine 44 Fragen an die Personalgewinnung:

1. Glauben Sie wirklich, jährlich gehen Milliarden Euro verloren?
Warum steht seit 30 Jahren Fachkräftemangel in den Medien und dennoch passiert nichts?
Wer hat ein Interesse daran?

2. Ist wirklich jede vierte Stelle unbesetzt?
Warum nimmt der VDI die Anzahl offener Stellen mal sieben (bis 2014) und jetzt mal fünf, aber jeden arbeitslosen Ingenieur nur mal eins?
Muss der VDI so tricksen, weil es keinen Fachkräftemangel gibt?

3. Wer hat gegen demografischen Wandel vorgesorgt?
Haben Sie Bewerber schon einmal ausgewählt, bevor eine Bewerbung kam?
Wie haben Sie das gemacht?

4. Haben Sie Bewerber schon einmal überrascht?
Zum Beispiel mit Handys?
Oder mit Heavy-Metal-WACKEN-Tickets?
Oder indem Sie bei Rechnungen drei Cent zu viel überwiesen haben?

5. Liegt ENGpass an ENGstirnigkeit?
Schauen Sie auch links und rechts vom Mainstream nach Bewerbern?

6. Haben Sie Bewerber schon einmal aktiv angesprochen?
Wie haben Sie das gemacht?
Wo haben Sie Bewerber angesprochen?
Wie oft haben Sie Bewerber aktiv angesprochen?
Wen haben Sie angesprochen? Anfänger? Fortgeschrittene?

7. Tappen Sie in die Floskel-Falle der Stellenanzeigen?
Was heißt Teamgeist? „Alle entscheiden“ oder „Einer spricht, alle nicken“?

8. Würden Sie ein laaangweiliges Buch verschenken?
Erwarten Sie hochmotivierte Kandidaten auf laaangweilige, standardisierte Stellenanzeigen? Schizophren?

9. Es existieren inflationäre 2.500 Stellenbörsen.
Warum sind Einstellungen über Stellenanzeigen bei Hochqualifizierten von 60 % auf 34 % eingebrochen?

10. Was machen die anderen 66 % der Bewerber?
Wo finden Sie die Mehrheit?

11. Wissen Sie, wer sich nicht bei Ihnen bewirbt?
Verstehen Sie, warum diese Frage relevant ist?

12. Wie viele der 43 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer suchen aktiv?
Wie viele suchen passiv?

13. Wie viele der 43 Millionen haben sich schon einmal bei Ihnen beworben?
Und warum haben es die anderen nicht getan?

14. Wie viele der über 500.000 Schulabgänger, die eine Lehre machen, bewerben sich bei Ihnen?
Wie viele nicht?
Und warum nicht?

15. Nutzen Sie die 25 Prozent (Durchschnitt) bis 48 Prozent Studienabbrecher als Azubis?

Martin Gaedt: Mythos Fachkräftemangel

16. Wie gehen Sie mit Bewerbern um?
Sagen Sie „Hau bloß ab!“?
Herrscht eine Willkommenskultur oder eine Willkommensunkultur?
Haben Sie sich inkognito in Ihrem eigenen Unternehmen beworben?
Haben Sie sich dabei willkommen gefühlt?

17. Wer sagt, dass Azubis jung sein müssen?
ING-DiBa bildet 50-Jährige aus.
Warum tun Sie es nicht?

18. Was passiert mit einer Million Menschen ohne Schulabschluss seit 1999?
Wer kopiert „Chance Plus“ der Deutschen Bahn?
Nutzen Sie Mentoring?
Kennen Sie Schülerpaten, Rock Your Life, Chancenwerk oder Joblinge?

19. Was passiert mit Menschen „Ü50“?
Warum berichten gestandene Männer und Frauen, dass es ab einem Alter von 45 Jahren immer schwieriger wird, überhaupt mal ins Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden?
Warum leisten wir uns Altersdiskriminierung?
Wäre ein Hoch auf Erfahrung und Weisheit nicht angemessener?

20. Wissen wandert aus!
Warum? Weil alle nach Berlin, Hamburg, München oder Köln wollen? NEIN!
Warum bleiben nur 40% in der Region? Sie sagen „Hier gibt`s ja nichts.“
70% wollen aber bleiben! Jedoch brauchen sie Jobangebote, solange sie vor Ort sind.

21. Warum bieten Hochschulen zu 75%-85% befristete Verträge?
Haben Sie gezielt Mitarbeiter mit befristeten Verträgen angesprochen?
Warum gehen Top-Akademiker ins Ausland?

22. Warum bekommen 3,5 Millionen Firmen immer weniger Bewerbungen?
Dafür 14.400 Unternehmen immer mehr! Eine einzige Firma bekommt konkret 250.000 Bewerbungen auf 1.400 Stellen?
Sind 248.600 Absagen für eine einzige Firma sinnvoll?

Gaedt_Martin_Mythos_Fachkräftemangel_0423. Warum sind 99 % der Unternehmen unsichtbar?
Wie viele Firmen kennen Sie?
Und wie viele davon kennen Sie richtig gut?
Wie viele kennen sie „von innen“, also so gut, dass sie wissen, welche Berufe dort gebraucht werden?

24. Ist Ihr Unternehmen sichtbar, erlebbar, spürbar – oder unsichtbar?
Wo ist es sichtbar?
Wie ist es sichtbar?
Wer kennt Sie und kann Sie empfehlen?
Wer würde Sie empfehlen?
Kunden? Mitarbeiter? Wer noch?

25. Nutzen Sie Mitarbeiter-Empfehlung, z. B. per App und mit Anreizen?
Kennen Sie Firstbird.eu?

26. Warum sind Jobsuche und Berufswahl nicht so spannend und ein Kult wie die ‚Drei ???‘?

Event-Ankündigung (Foto: Berghain)
Event-Ankündigung (Foto: Berghain)

27. Warum ist sich bewerben nicht so geil wie die Lieblingsmusik?
Warum werben Sie nicht mit WACKEN oder dem Elektroclub Berghain in Berlin?

28. Warum sind Berufswahl und Jobsuche negativ belegt?
Warum stöhnt jeder bei der Jobsuche?
Kommen Bewerber aus Bewerbungsgesprächen bei Ihnen und jubeln: „Das war inspirierend. Da will ich ab jetzt jeden Tag hin!“?
Wie wäre es mit einem Bewerbungsgespräch im Kino? Oder im Café? Oder im Museum?

29. Warum verarschen wir 900.000 Schüler pro Jahr im BIZ?
Warum ist „Gärtner“ auf Platz 1 aller Empfehlungen?
Die Stiftung Warentest schreibt 2007: „Berater müssen nachsitzen“ und verteilt schlechte 
Noten für mangelhafte Beratung! Wurde irgendetwas geändert? Nein. Es wurden Milliarden an Steuergeldern verschwendet!

30. Sind Sie ein Magnet?
Kennen Sie Meßdorf? Oder die Altmark? Azubis aus Essen und Bremen gehen dort hin!
Warum gehen sie nach Meßdorf zum Lohnunternehmer in der Landwirtschaft? Können Sie so magnetisch sein?

31. Was machen Sie anders im Recruiting und im Bewerbungsverfahren als alle anderen?
Was ist Ihr Alleinstellungsmerkmal in der Personalgewinnung?
Oder machen Sie das, was alle machen und bekommen das, was alle bekommen?

32. Welche Ideen und Experimente führen Sie durch?
Nutzen Sie ungewöhnliche Zutaten?
Was übertragen Sie vom Produkt-Marketing aufs Recruiting?
Ist Ihnen die Aufmerksamkeit sicher?

34. Wie erreichen Sie die, die sich nicht bei Ihnen bewerben?
Zum Beispiel passive Wechselwillige?
Und die, die Sie nicht kennen?
Und die, die keine Stellenanzeigen mehr lesen?

35. Schreiben Sie 08/15-Antworten an Bewerber?
Lassen Sie die Bewerber 4 Wochen auf eine Antwort warten?
Wie kann es sein, dass 40% aller Bewerbungen ganz ohne Antwort bleiben? Noch krasser: Wieso werden von 100 Bewerbungen nur vier beantwortet?

36. Hat einer Ihrer Bewerber Lücken im Lebenslauf?
Nehmen Sie Quereinsteiger? Ehemalige Knastinsassen? Querdenker? Regelbrecher?

37. Besetzen Sie Vollzeitstellen mit zwei Kandidaten?
Betreiben Sie Jobsharing?
Kennen Sie tandemploy.com?

38. Sind Sie bereit, englischsprachige Mitarbeiter einzustellen?

39. Sortiert Ihr Bewerber-Managementsystem systematisch interessante Persönlichkeiten aus?

40. Können Sie sich Olympia nur mit Goldmedaillen vorstellen?
Warum gibt es keine Silber- und Bronze-Positionen im Bewerbungsverfahren?
Gold oder Absage!

41. Warum bekommen die meisten guten Bewerber Absagen?
Warum hören gute Bewerber „Hau ab!“?
Warum verschwenden Sie erfahrene Fachkräfte, Absolventen und Azubis, indem Sie der engsten Auswahl Absagen schicken?

42. Warum lassen Sie gute Bewerber schlecht über Ihre Firma reden?
Warum verbrennen Sie teuer bezahltes Image? Was könnte Top-Kandidaten trotz Absage positiv überraschen?

43. Warum wird im Einkauf kooperiert?
Warum kooperieren Sie im Recruiting nicht?
Mit wem werden Sie zukünftig im Recruiting kooperieren?
Wie können sich viele KMU zusammentun?

Sind Sie bereit, anderen Unternehmen gute Bewerber in Kooperation zu empfehlen?
Oder sehen Sie nur die Konkurrenz?
Wollen Sie zukünftig Ihre Recruiting-Kosten refinanzieren?

44. Welche Recruiting-Blogs lesen Sie?
Was inspiriert Sie?
Wie bleiben Sie auf dem Laufenden?
Wie werden Sie Vorreiter?
Warum haben Sie sich diese Fragen noch nie gestellt?

Mein schärfster Kritiker in dieser Gruppe sagte zunächst gar nichts, aber sein Gesicht entspannte sich schon beim Lesen. Seine Augen wurden freundlich, der Ärger wandelte sich in Erstaunen. Er hatte sich diese Fragen noch nie gestellt.

 

Lesen Sie den kompletten Bericht hier:

http://martingaedt.de/2016/04/liegt-es-am-fachkraeftemangel-oder-am-beschraenkten-suchfeld-44-fragen/

 

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2 Kommentare zu „Martin Gaedt nervt mit seinen 44 Fragen zum Fachkräftemangel“

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