Pfusch am (Bildungs-)Bau: Alte Ziele werden nicht mehr erreicht – neue noch nicht

Martina Bischof

11.3.2009 (ghk). Wer als Fußgänger sich gemächlich von der Schlossallee dem Hauptgebäude von Schloss Bensberg nähert, dem kann es eigentlich nicht entgehen, mit welcher Harmonie und Qualität die Architekten  einer vergangenen Epoche ihre Bauwerke geschaffen hatten. Der Anblick des Schlossgartens und der Fassade der Haupt- und Nebengebäude lassen sichtbar werden, dass weder beim Schlossbau vor fast genau 300 Jahren noch heute bei der Instandhaltung Pfusch und Schlamperei einen Einfluss hatten.  Bei aktuellen Tiefbauprojekten in der Kölner Innenstadt kann man nicht unbedingt – so die aktuelle Wahrnehmung – von einem solchen Qualitätsdenken ausgehen.

Auch Reformen des Bildungswesens müssen konzipiert, gebaut und in Stand gehalten werden, die Ergebnisse sind allerdings recht weit entfernt von einem Qualitätsstand, den die Baumeister früherer Epochen scheinbar mit Leichtigkeit verwirklichten. Dieser Mangel wird offensichtlich bei dem europäischen Umbauprojekt des akademischen Bildungswesens. So war es nur konsequent, dass im Rahmen des vierten Recruiting Convents auch das Thema „Bologna“ auf der Agenda stand und von Personalern kritisch gewürdigt wurde.

Schloss Bensberg

Als Professor Dr. Christoph Beg zum Abschluss des Recruiting Convents ans Rednerpult trat, lag ihm offensichtlich etwas mehr am Herzen, als den nahezu hundert Teilnehmern eine gute Heimreise zu wünschen. Zunächst dankte er der Referentin, Frau Martina Bischof von der Hypovereinsbank für ihren Praxisbeitrag. Bischof nahm  in ihrem Vortrag „Recruiting à la Bolognese“ Stellung und kritische Würdigung und fokussierte drei Fragen zu den bisherigen Ergebnissen des universitären Harmonisierungsprozesses, an dessen Ende ein einheitlicher Bachelor bzw. Master-Abschluss stehen sollte.

Prof. Dr. Christoph Beck

Recruiting Convent:

Die Teildisziplinen Personalmarketing, Recruiting und Talentmanagement erfordern zunehmend eine ganzheitliche Strategie und rücken immer näher zusammen.

Es gilt die Prozesse zu optimieren, die Strukturen anzupassen und die Vielzahl von Instrumenten unternehmensspezifisch zu bewerten sowie auf die unterschiedlichen Zielgruppen hin zu konfektionieren.

Erfolgreiches Personalmarketing & Recruiting bedeutet somit heutzutage nicht nur die Erfüllung von Standards, sondern darüber hinaus auch die Professionalisierung von Bewährtem auf der einen Seite und den Einsatz moderner und neuer Instrumente auf der anderen Seite.

Bischof hatte ihren Praxisbericht auf die Kernfragen „Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen?“ bezogen. Und schon von Anfang an war es klar, dass Bischof nicht in eine Lobeshymne über den  Bildungsreformprozess, der in den Medien und den Stammtischen der Republik kurz als „Bologna-Prozess“ bezeichnet wurde, ausbrechen wollte.

Aus Recruiting-Sicht formulierte Bischof ihre Fragestellung differenzierter: Für den Arbeitgeber ist es wichtig zu wissen, ob der Bachelor eigentlich berufsfähig ist und ob Methodenwissen fehlende Praxiserfahrung ersetzen kann. Für Studierende und Absolventen gilt es zu beantworten, ob man einen Master machen muss, um Karriere machen zu können oder ob ein Bachelor so viel wert ist wie ein Diplom von der Fachhochschule. Und ihr knappes, ernüchterndes Fazit: Der Bologna-Prozess und die damit erwünschte Harmonisierung und Vergleichbarkeit der Universitäts-Abschlüsse in Europa unterliegt einer hybridalen Modernisierung: „Alte Ziele werden nicht mehr erreicht – neue noch nicht“. Der Bologna-Prozess und die Umgestaltung der Universitäts-Abschlüsse zu Bachelor und Master befinden sich in einem hochkomplexen Umfeld für die Nachwuchsrekrutierung, der Bewerbermarkt ist von Unsicherheit gekennzeichnet.

Hire for attitude, train for skills

Ernüchternder hätten Bischofs Schlussfolgerungen eigentlich nicht ausfallen können.

  • Zahlen und Trends klären zwar über Quantitäten auf, die Frage nach der Qualität und Einsatzmöglichkeiten von Bachelor-Absolventen lässt sich jedoch unmöglich generell beantworten
  • Wir müssen aufhören, Einheitsfiktionen zu pflegen („All Bachelors are equal“), wir müssen unsere eigene Einstellung und damit unsere Rekrutierungspolitik überdenken und entsprechend ändern
  • Wir sollten Perspektiven nach Maß bieten und nicht versuchen, „den Bachelor“ oder „den Master“ als Gesamtphänomen zu erfassen.

Und Christoph Beck machte dem Auditorium mit seinem Schlusswort nicht den Gefallen, es damit zu bewenden lassen – er streute mit seiner klaren Analyse und pointierten Rhetorik noch Salz in die Wunden dieser Reform: „Erst forderten die Bildungspolitiker eine Verkürzung der Studiengänge und eine Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse auf europäischer Ebene Und als die Betroffenen 2009/2010 mit einem Bildungsstreik auf die Missstände hinwiesen, reagierten die gleichen Politiker mit der Forderung, das Bachelor- und Master-Studium einfach wieder zu verlängern“. Auch die Kultusministerkonferenz hisste die weiße Flagge der Kapitulation und deklarierte als Offenbarungseid das Bologna-Unterfangen zu einem verbesserungswürdigen Prozess.

Der Weg ist das Ziel

Auch die Wunschvorstellung eines einheitlichen Studienganges und damit einer hohen Vergleichbarkeit der Bachelor- und Master-Abschlüsse beerdigte Beck: „Stand heute bieten Hochschulen unterschiedlich lange Studiengänge an, dem Personaler wird deshalb empfohlen, sich die differenzierten Studiengänge pro Hochschule im einzelnen genau anzuschauen.“ Standardisierung und Vergleichbarkeit sehen anders aus.

Bologna-Prozess

Der Begriff Bologna-Prozess bezeichnet ein politisches Vorhaben zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens bis zum Jahr 2010. Er beruht auf einer im Jahre 1999 von 29 europäischen Bildungsministern im italienischen Bologna unterzeichneten, völkerrechtlich nicht bindenden Bologna-Erklärung.
Der Bologna-Prozess verfolgt drei Hauptziele: Die Förderung von Mobilität, von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und von Beschäftigungsfähigkeit. Als Unterziele umfasst dies unter anderem:

  • die Schaffung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse, auch durch die Einführung des Diplomzusatzes,
  • die Schaffung eines zweistufigen Systems von Studienabschlüssen (konsekutive Studiengänge, undergraduate/graduate, in Deutschland und Österreich als Bakkalaureus/Bachelor und Magister/Master umgesetzt),
  • die Einführung eines Leistungspunktesystems, des European Credit Transfer System (ECTS),
  • die Förderung der Mobilität durch Beseitigung von Mobilitätshemmnissen; gemeint ist nicht nur räumliche Mobilität, sondern auch kulturelle Kompetenzen und Mobilität zwischen Hochschulen und Bildungsgängen,
  • Förderung der europäischen Zusammenarbeit bei der Qualitätsentwicklung,
  • die Förderung der europäischen Dimension in der Hochschulausbildung,
  • das lebenslange bzw. lebensbegleitende Lernen,
  • die studentische Beteiligung (Mitwirken an allen Entscheidungen und Initiativen auf allen Ebenen),
  • die Förderung der Attraktivität des europäischen Hochschulraumes,
  • die Verzahnung des europäischen Hochschulraumes mit dem europäischen Forschungsraum, insbesondere durch die Eingliederung der Promotionsphase in den Bologna-Prozess.

Ein weiteres Ziel ist die Integration der sozialen Dimension, sie wird als übergreifende Maßnahme verstanden und bildet somit keinen eigenen Schwerpunkt.

Sowohl große Studentenorganisationen und Verbände wie auch Verantwortliche der Hochschulen üben teilweise heftige Kritik am Bologna-Prozess.  Diese reicht von der Kritik an einzelnen Umsetzungsproblemen bis zur gänzlichen Ablehnung des Prozesses. Rund drei Jahre nach Einführung des Bachelor/Master-Systems häufen sich Anzeichen von Überforderung und Stress bei Bachelorstudenten. Auch die Gefahr sozialer Selektion durch den erhöhten Druck auf Werkstudenten wird von verschiedenen Beratungsstellen und Universitätspsychologen kritisiert. Von zahlreichen Beteiligten wie den Studentenorganisationen werden in der Regel nicht die Ziele des Bologna-Prozesses (zum Beispiel Mobilität, Strukturierung des Studiums, Berufsqualifizierung), sondern die Art der Umsetzung durch die Hochschulen und die Nationale Bologna Follow-Up Group kritisiert. Insbesondere detaillierte Umstrukturierungsmaßnahmen der Universitäten werden oftmals als durch den Bologna-Prozess vorgegeben begründet, obwohl dieser nur grobe Rahmenvorgaben macht.

So wird an manchen Universitäten der Lehrstoff eines 4-jährigen Magister-Abschlusses in einen 3-jährigen Bachelor komprimiert, was zu Arbeitsüberlastung und Frust führt.Dem wird entgegengehalten, dass gerade die Modularisierung und das Creditpoints-System erstmals auch die Vor- und Nachbereitungszeit berücksichtigen, anstatt nur die Präsenzzeit vor Ort in Semesterwochenstunden. Wenn Dozenten den von der Hochschule zu erarbeitenden Zeitumfang nicht einhalten, könne das nicht als Kritik am Bologna-Prozess gewertet werden. (Quelle: Wikipedia)

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