PISA-Studie 2018: Überdurchschnittlich, leicht rückläufig, Abstand zu Spitzenreitern

Leistungen in Deutschland insgesamt überdurchschnittlich, aber leicht rückläufig und mit großem Abstand zu den Spitzenreitern; Chancengerechtigkeit gilt es weiterhin zu fördern

Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben beim Leseverständnis und der Mathematik leicht besser abgeschnitten als der OECD-Durchschnitt, bei den Naturwissenschaften sogar deutlich besser. Insbesondere in der Mathematik und den Naturwissenschaften verschlechterten sich jedoch die Ergebnisse gegenüber früheren PISA-Erhebungen. Insgesamt bleibt der Abstand zu den Spitzenreitern in Asien und Europa groß. Gleichzeitig hängt der Schulerfolg in Deutschland weiterhin stärker von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler ab als im Durchschnitt der OECD-Länder. Dies zeigen die Ergebnisse der PISA-Erhebung von 2018.

 

Der beim Leseverständnis, dem Schwerpunkt von PISA 2018, verzeichnete Rückgang der Leistungen ist statistisch nicht belastbar. Die Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften waren 2018 jedoch signifikant schlechter als 2012. Da sich der Leistungsrückgang bereits mit der PISA-Erhebung 2015 abzeichnete, ist eine breitere Ursachensuche angezeigt.

 

Einer der Faktoren hinter dem Leistungsrückgang können die seit der Flüchtlingskrise gestiegenen Ansprüche an das Bildungssystem sein. So ist der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit eigener Migrationserfahrung seit der letzten PISA-Erhebung deutlich gestiegen und deren Integration in das Bildungssystem ist eine große Herausforderung.

 

Auffällig ist außerdem, dass Schulleiterinnen und Schulleiter in Deutschland deutlich häufiger über eine mangelnde Ausstattung mit Personal und Sachmitteln klagen als ihre Kolleginnen und Kollegen im OECD-Schnitt. Gleichzeitig sind sozioökonomisch benachteiligte Schulen stärker mit Personalmangel konfrontiert als sozioökonomisch begünstigte Schulen.

 

Chancengerechtigkeit bleibt eine der Herausforderungen für das deutsche Bildungssystem. So hat sich in Deutschland seit der letzten PISA-Studie mit Leseschwerpunkt (2009) beim Leseverständnis die Abhängigkeit der Leistung von der Herkunft noch verstärkt.

 

Erfreulich ist, dass es in Deutschland rund zehn Prozent der benachteiligten Schülerinnen und Schüler gelingt, beim Leseverständnis innerhalb Deutschlands zu den besten 25 Prozent zu gehören. In einigen PISA-Teilnehmerländern, wie Macao (China) und Estland, gelingt dies sogar mehr als 15 Prozent der benachteiligten Schülerinnen und Schüler. Sie gehören zu der Gruppe von Ländern, die in PISA 2018 bewiesen haben, dass gute bzw. sehr gute Ergebnisse und Chancengleichheit miteinander vereinbar sind.

 

Insgesamt schnitten Mädchen in Deutschland beim Leseverständnis deutlich besser ab als Jungen, aber der Unterschied war kleiner als im OECD-Durchschnitt. In Mathematik schnitten sie dagegen etwas schlechter ab und hier zeigte sich eine etwas größere Geschlechterdifferenz als im OECD-Schnitt. In den Naturwissenschaften zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

 

Wie immer fragte die PISA-Studie kaum gelerntes Wissen ab, sondern untersuchte hauptsächlich, ob Schülerinnen und Schüler in der Lage waren, Wissen anzuwenden, Fakten von Meinungen zu unterscheiden, Informationen zu verknüpfen und eigene Lösungswege zu finden – Schlüsselqualifikationen in einer zunehmend digitalisierten Welt.

 

Ludger Schuknecht

„Menschen mit niedrigen Basiskompetenzen laufen heute mehr denn je Gefahr, ausgegrenzt zu werden“, so OECD-Vizegeneralsekretär Ludger Schuknecht bei der Vorstellung der Studie in Berlin. „Die PISA-Ergebnisse sind deshalb eine dringende Aufforderung, in der Schule niemanden zurückzulassen, sondern allen Schülerinnen und Schülern die Kompetenzen zu vermitteln, die sie brauchen, um in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu bestehen.“

 

Trotz ihres insgesamt überdurchschnittlichen Abschneidens liegen die Schülerinnen und Schüler in Deutschland weit hinter den Spitzenreitern – vier chinesischen Provinzen und Singapur – zurück und auch der Abstand zu einigen OECD-Partnern ist groß. So hatte hierzulande etwa jeder fünfte und im OECD-Durchschnitt etwa jeder vierte Teilnehmende Schwierigkeiten, selbst grundlegende Anforderungen an das Leseverständnis zu bewältigen. Bei den asiatischen oder europäischen Spitzenreitern, darunter Estland und Finnland, waren dies nur zehn bis 15 Prozent der Teilnehmenden.

 

Neben Kenntnissen beim Leseverständnis, der Mathematik und den Naturwissenschaften hat PISA 2018 auch das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler und den Zusammenhang mit ihren Leistungen untersucht. Hier trat neben Deutschland unter anderem der flämische Teil Belgiens als positives Beispiel hervor. In fast allen untersuchten Bildungssystemen zeigte sich, dass Versagensängste unter Schülerinnen und Schülern besonders häufig dort verbreitet waren, wo die Leistungen beim Leseverständnis besonders gut waren. In Deutschland und Belgien, aber auch bei den europäischen Spitzenreitern Estland und Finnland zeigte sich dieser Zusammenhang nicht. Hohes Leistungsniveau und hohes Wohlbefinden schließen einander also nicht aus.

 

Die PISA-Studie 2018 war mit rund 600.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 79 Ländern und Regionen die bisher größte PISA-Studie. In Deutschland nahmen 5.451 Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 Jahren aus 226 Schulen teil.

 

Sie finden die drei Studienbände in deutscher Übersetzung, Beispielfragen und weitere Informationen zur PISA-Studie auf unserer Website unter www.oecd.org/berlin/themen/pisa-studie/. Hier finden Sie auch eine zusammenfassende Ländernotiz für Deutschland.

 

1 Kommentar zu „PISA-Studie 2018: Überdurchschnittlich, leicht rückläufig, Abstand zu Spitzenreitern“

  1. Wie das Schweizer Bildungssystem Bildungs- und Lebenschancen strukturiert.
    Empirische Befunde aus der Längsschnittstudie TREE
    https://edoc.unibas.ch/64085/1/Meyer_Thomas_2018_Wie_das_Schweizer_Bildungssystem_Bildungs_%26_Lebenschancen_strukturiert.pdf
    ‚Hier legen die international vergleichenden Analysen nahe, dass selektive, gegliederte Grundbildungssysteme, wie sie in der Schweiz verbreitet sind, den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg verstärken, und zwar in der Tendenz umso ausgeprägter, je früher die Selektion erfolgt.
    Die zahlreichen Schwellen, Hürden und Übergänge in und zwischen relativ engen Segmenten generieren viele Reibungsverluste, die oft zu Lasten der sozial und/oder schulisch schwachen Lernenden gehen. Sie laufen ausserdem dem bildungspolitischen Ziel einer möglichst hohen Ausschöpfung des Begabungspotenzials junger Menschen in der Schweiz oft zuwider.
    – Die Segmentierung der Sekundarstufe I ist und bleibt eine Hypothek für eine angemessene Ausschöpfung des Begabungspotenzials junger Menschen und hat nachhaltige Folgen für die nach-obligatorische Ausbildungslaufbahn. Schülerinnen und Schüler aus Sek I-Schultypen mit Grundanforderungen sind auch bei guter Leistung oft nicht in der Lage, ihr Potenzial auf Sekundarstufe II zu verwirklichen.
    „Bildungsarmut ist weit gehend irreversibel (kann nicht rückgängig gemacht werden, H.J.), nachhaltig und in der Schweiz im internationalen Vergleich hochgradig sozial vererbt (vgl. ausführlicher in Abschnitt 3.2). Wer Grundbildungszertifikate (einschliesslich der Sekundarstufe II) nicht im Jugend- oder sehr jungen Erwachsenenalter erwirbt, wird dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auch später nicht tun“.
    H.J.:Eindrückliches Beispiel (Schweiz): Erwachsene mit ungenügenden Kompetenzen in Lesen und Schreiben (Illettrismus) sind praktisch nicht mehr zu motivieren, diese Defizite in Angeboten der Erwachsenenbildung nachzuholen. Möglicher Grund: wenig Förderung verbunden mit Stigmatisierungen während der Volksschule. Die Studie von T. Meyer weist eindrücklich auf Langzeitfolgen der Volksschule hin. Ein Element, das in den PISA Analysen eher zu kurz kommt, nicht zuletzt deshalb, weil entsprechende Langzeitstudien fehlen.

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