German Stimmung: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Ein Gastbeitrag von Reiner Pientka.

Reiner Pientka

Euro-Krise, Börsenpanik, Rezessionsängste. Der Wirtschaftswachstumsrausch ist einer jähen Katerstimmung gewichen. Nach dem German Wunder hat die German Angst erneut Einzug gehalten. Trotz negativer Prognosen gibt es wenig Grund, an der Stärke der deutschen Wirtschaft zu zweifeln. Sowohl die Unternehmen als auch der Arbeitsmarkt haben aus der Rezession der vergangenen Jahre gelernt. Anders als zuvor verfügen
Unternehmen heute über verschiedene Tools zur Krisenbewältigung: Mit soliden Bilanzen, vollen Auftragsbüchern, Arbeitszeitkonten, freiwilligem Lohnverzicht sowie Kurz- und Zeitarbeit sind sie bestens aufgestellt.

Neben den Lehren aus Lehman und Co. ist ein Teil dieser Krisenresistenz und des wirtschaftlichen Erfolgs auch der Umsetzung der Agenda 2010 zu verdanken. Mit beschworenem „Mut zur Veränderung“ wurden die arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Strukturen der Bundesrepublik flexibilisiert und haben für ein deutliches Plus an Wachstum und Beschäftigung gesorgt. Deutschland kann wieder ein glänzendes Wachstum vorweisen und steht an der Spitze der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Europa. Aufgrund der demografischen Entwicklung stehen Unternehmen aber heute vor einem Arbeitskräftemangel und sind bereit, auch geringer Qualifizierten eine Chance auf eine Festanstellung zu geben.

Ein Vehikel für das German Wunder und die jetzige Wetterfestigkeit deutscher Unternehmen ist die Zeitarbeit. Sie ist zu einem festen Bestandteil des deutschen Arbeitsmarktes geworden und entlastet die Arbeitsagenturen. Personaldienstleister bedienen als Jobmotor den Bedarf an flexiblen Kosten- und Personalstrukturen.
Berufseinsteiger, Wiedereinsteiger oder Quereinsteiger profitieren besonders von dieser Entwicklung. Sie werden von Personaldienstleistern intensiv begleitet und für den Arbeitsmarkt fit gemacht.

Es ist reine Polemik, Zeitarbeit als „Jobfresser“ von Stammbelegschaften und grundsätzlich als prekäre Beschäftigungsform zu bezeichnen, wie es einige Gewerkschaften machen. In einem Anfall von „German Angst“ versucht man eine Branche zu diskreditieren, die mehr Jobs geschaffen hat, als die Gewerkschaften im letzten Jahrzehnt retten konnten. Außer Acht gelassen wird dabei, dass bundesweit rund 60.000 Menschen intern in Zeitarbeitunternehmen beschäftigt sind. Von April 2010 bis April 2011 stieg laut Beschäftigtenstatistik die Zahl der Zeitarbeitnehmer um 91.000. Zeitgleich nahm die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um insgesamt 672.000 Personen zu. Demzufolge entstand nicht einmal jeder siebte neue Job in Zeitarbeit. Zudem wird laut Bundesagentur für Arbeit heute ein gutes Drittel der Zeitarbeitnehmer in eine Festanstellung übernommen. Bachtlich ist, dass Zeitarbeitnehmer nach einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 15 Prozent des deutschen Wirtschaftswachstums in 2010 erwirtschaftet haben, obwohl sie nur rund zwei Prozent aller Erwerbstätigen stellen. Statt Angst und Panik zu verbreiten, dürfen wir uns mehr zutrauen. Deutschland hat auch künftig Potential für neue „German Wunder“.

Arbeitsmarktpolitisch sollte der Kompass in Deutschland endlich in eine klare Richtung weisen. Der flexible Arbeitsmarkt wird weiterhin der Krisenpuffer sein und kann durch „Equal Pay“ fair gestaltet werden. Ergo: Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) muss dringend modifiziert werden, damit der Umgang und die Verantwortung bei allen Beteiligten in der Zeitarbeit liegt.

Der Autor ist Vorsitzender der Geschäftsführung des Personaldienstleistes Tecops.

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