Mit welchen Arbeitsmarktmaßnahmen können die Folgen der Wirtschaftskrise auf die Arbeitnehmer abgefedert werden? – Experte Harald Müller steht Rede und Antwort

Harald Müller, Geschäftsführer BWA
Harald Müller, Geschäftsführer BWA

„Mit welchen Arbeitsmarktmaßnahmen können die Folgen der Wirtschaftskrise auf die Arbeitnehmer abgefedert werden?“ Mit diesem Publicity-trächtigen Aufmacher eröffnete jüngst die ZDF-Nachrichtensendung „heute“ ihre Nachrichtensendung – und gab auch gleich die Antwort vor: Laut ZDF hätte der zuständige Minister Olaf Scholz schon Pläne in der Schublade, um die Arbeitsmarktkrise wirksam zu bekämpfen. Nun sind wir von Nachrichtensendungen und Äusserungen der zuständigen Regierungsmitglieder einiges gewöhnt, verwunderlich ist jedoch das Timing dieser Meldung.

Diese Meldung wurde nicht schon vor etlichen Quartalen ausgestrahlt, als die Republik erst am Anfang der Wirtschaftskrisendebatte stand, nein, sie stammt aus dem sommerlichen Juli 2009. Fast kommt der Eindruck auf, Minister Scholz hätte die ganze Zeit auf der perfekten Lösung gesessen, sie aber einfach noch in der Schublade unter Verschluss gehalten – vielleicht stehen ja dringendere Probleme an, die es zu lösen gibt.

Die Redaktion von Crosswater Systems sprach mit Harald Müller, Geschäftsführer der m.o.v.e. consulting gmbh und intimer Kenner der Arbeitsmarkt-Förderungsmaßnahmen über die Risiken und Chancen aus der Krise und die Rolle des Bundesverbandes der Träger im Beschäftigtentransfer e.V. (BVTB).

  • Crosswater Systems: Herr Müller, die klassische Volkswirtschaftslehre kommt zur Erkenntnis, daß in Konjunktur-Krisen eher Investitionen die Konjunktur wieder flott bekommen als staatliche Beschäftigungsprogramme.  Doch die Realität oder fehlende Transparenz der Beschäftigungsmaßnahmen vernebeln den Blick auf den „Königsweg aus der Krise“. Welche der konjunkturellen Alternativen sollte aus Ihrer Sicht den Vorrang bekommen? Weshalb?

Harald Müller: In einer sozialen Marktwirtschaft gelingt es durch den Mix aus Investitionen und staatlichen Beschäftigungsprogrammen, Konjunkturkrisen zu überstehen. Dabei sollte allerdings darauf geachtet werden, die Transparenz staatlicher Arbeitsmarktmaßnahmen herzustellen. Daran arbeiten wir auch im Bundesverband der Träger im Beschäftigtentransfer e.V. (BVTB) sehr intensiv.

  • Crosswater Systems: In der Wirtschaftskrise nimmt der Stellenwert des Mitarbeiters immer mehr ab, Personal mutiert zusehends zu einem Kostenblock, den Unternehmenssanierer so schnell wie möglich reduzieren möchten, koste es was es wolle. Ist das der richtige Ansatz, alles unter das Diktat der Controller zu stellen?

Harald Müller: Gerade in der Zeit der Wirtschaftskrise ist es wichtig, die Mitarbeiter im Unternehmen zu halten und die Möglichkeit der Qualifizierung während der Kurzarbeit zu nutzen. Dann sind Mitarbeiter und das gesamte Unternehmen in der Lage, den nach der Krise meist geänderten Rahmenbedingungen entsprechend Stand zu halten.

  • Crosswater Systems: Die Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise hat es bislang nicht geschafft, die beiden Grundtendenzen des Arbeitsmarktes ausser Kraft zu setzen: Auch vor der Krise, in der Krise oder nach der Krise gibt es einen Fachkräftemangel, und der Personal-Ersatzbedarf, der durch den demografischen Wandel hervorgerufen wird, ist ebenfalls nicht verschwunden – höchstens von den Radarschirmen der Arbeitsmarktpolitiker. Gibt es denn aus Ihrer Sicht Chancen, dieses „Bermudadreieck der Arbeitsmarktpolitik“ (Wirtschaftskrise, Fachkräftemangel, demoskopischer Wandel) in den Griff zu bekommen?

Harald Müller: Der Gesetzgeber versucht durch die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes etwas zu tun, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Berufliches Fachwissen verliert sehr schnell an Aktualität, daher ist es wichtig, das Wissen der Mitarbeiter in der Krise weiterzuentwickeln. Denn auch neu erworbenes Wissen transferiert sich nicht von heute auf morgen in den praktischen Arbeitsprozess.

  • Crosswater Systems: Gelegentlich erinnert die Einführung immer weiterer arbeitspolitischer Instrument an die  Experimentierfreude des Suchmaschinen-Giganten Google. Dort wurde die Innovationspolitik einmal so umschrieben: Jede neue Produkt-Idee ist wie eine Handvoll gekochter Spaghetti, die man an die Wand wirft. Was kleben bleibt, wird umgesetzt. Haben wir in der Arbeitsmarktpolitik zu viele Spaghetti-Werfer und zu wenig nachhaltige erfolgreiche Maßnahmen?

Harald Müller: Aus der Perspektive der Arbeitsmarktpolitik ist es notwendig, ein umfangreicheres Zeitfenster zu betrachten. Aus Sicht der Kosteneffizienz ist das allerdings meist nicht möglich. Arbeitsmarktpolitische Instrumente müssen jedoch Zeit und Raum haben, um zu wirken und erfolgreich sein zu können, die Betrachtungsweise kann daher nur mittel- oder langfristig erfolgen. Dem BVTB ist es aus diesem Grund wichtig, Transparenz und Überprüfbarkeit anhand festgelegter Qualitätskriterien zu erzeugen.

  • Crosswater Systems: Welches sind nach Ihren Erfahrungen unter den Arbeitsmarktmaßnahmen denn die TOPs und die FLOPs?

Harald Müller: Eine erfolgreiche Arbeitsmarktmaßnahme muss immer auch die Nachhaltigkeit in der Zielsetzung haben und die individuelle Voraussetzung des einzelnen Mitarbeiters berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund gehören Maßnahmen nach dem SGB III sowie die im Konjunkturpaket II geschnürten Programme (Verlängerung der Kurzarbeit sowie die Möglichkeit der Qualifizierung während der Kurzarbeit) sicher zu den Maßnahmen, die eine betriebliche Eingliederung fördern bzw. Beschäftigung erhalten.

  • Crosswater Systems: Wie sieht es denn mit dem Instrument des „Outplacements“ aus, das gerade in schwierigen Zeiten gerne als Heilsbringer gesehen wird? Welche Einschränkungen, Hindernisse und Erfolgskriterien sind zu beachten, um damit Erfolg zu haben?

Harald Müller: Die Qualitätskriterien, denen sich die Mitglieder des BVTB verschrieben haben, sind auch als Erfolgskriterien anzusehen. So ist die Zeit beispielsweise ein entscheidender Faktor, Menschen intensiv und individualisiert beraten zu können. Im Vorfeld der Outplacementberatung muss eine Analyse der Ausgangsvoraussetzungen erfolgen sowie eine genaue Zielsetzung der Beratung definiert werden. Nur dann kann eine Bewertung erfolgen.

BVTB
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  • Frank-J. Weise, Bundesagentur für Arbeit
    Frank-J. Weise, Bundesagentur für Arbeit

    Crosswater Systems: Frank-J. Weise, Chef der Nürnberger Arbeitsagentur, ist bekannt dafür, dass er größten Wert auf Transparenz legt. Nun sind in der Vergangenheit viele Arbeitsmarktprogramme gekommen und wieder verschwunden. Wie sieht es denn überhaupt mit der Transparenz der vielen Arbeitsmarktmaßnahmen aus, welche Kosten sind angefallen und welche Erfolge lassen sich den einzelnen Maßnahmen zuordnen?

Harald Müller: Die Effizienz von Arbeitsmarktmaßnahmen lässt sich meistens erst nach der Durchführung über einen längeren Zeitraum umfassend beurteilen, da die Wirkungszusammenhänge sehr komplex sind. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die intensive Zusammenarbeit mit der Nürnberger Arbeitsagentur. Deshalb hält der Bundesverband der Träger im Beschäftigtentransfer auch regelmäßige Gespräche mit der Bundesagentur für Arbeit für unerlässlich.

  • Crosswater Systems:  Welche Rolle spielen eigentlich privatwirtschaftliche Dienstleister bei der Umsetzung der diversen Arbeitsmarktmaßnahmen? Sollten diese Aufgaben nicht eher von staatlichen Stellen übernommen werden? Welche Vorteile bieten – wenn überhaupt – private Dienstleister?

Harald Müller: Die Kontaktnetzwerke privatwirtschaftlicher Dienstleister sind beispielsweise ein wesentlicher Faktor für die erfolgreiche Durchführung von Arbeitsmarktmaßnahmen. Ebenso bietet die Erfahrung dieser Dienstleister speziell im Vermittlungscoaching große Vorteile. Allerdings sollten von staatlicher Stelle Qualitätskriterien definiert und zugrunde gelegt werden und die Durchführung dieser Maßnahmen einem Controlling unterzogen werden.

  • Crosswater Systems:  Wie sehen Sie die Arbeitsmarktvermittlung der Zukunft? Ist es eine Frage der Qualifikation und Weiterbildung, ist es eine Frage der Mobilität und Flexibilität oder worauf wird es in den kommenden Jahren entscheidend darauf ankommen?

Harald Müller: Qualifikation und Weiterbildung, aber vor allem Eigeninitiative und Eigenverantwortung sowie Flexibilität sind wichtig, um beruflich zukünftig mit sich ständig verändernden Bedingungen zurecht zu kommen.

Herr Müller, vielen Dank für das Gespräch.

  • Der BVTB:
    Zielsetzung des BVTB ist, die Qualität im Beschäftigtentransfer (z. B. bei Personalabbaumaßnahmen) sicherzustellen. Um dies zu gewährleisten, haben die 16 Gründungsmitglieder nicht nur ein Zertifizierungsverfahren für Transfergesellschaften und -agenturen entwickelt, sondern sich auch diesem Zertifizierungsverfahren durch eine neutrale Zertifizierungsgesellschaft unterzogen. Zielsetzung ist die kontinuierliche Weiterentwicklung des Beschäftigtentransfers, um dadurch ständig hohe Qualitätsstandards in der Beratung, Projektsteuerung sowie -abwicklung zu gewährleisten.
  • Bundesverband der Träger im Beschäftigtentransfer e. V.
    D- 40589 Düsseldorf

    Bundesverband der Träger im Beschäftigtentransfer e. V.
    Geschäftsstelle
    Industriestraße 300 / Geb. 0196
    50354 Hürth

    Tel.: +49 (0)22 33 – 48 65 99
    Fax: +49 (0)22 33 – 48 94 65 99

    Vertreten durch den Vorstand:
    Harald Johannes Friedrich Müller (Sprecher)
    Christa Burbach (Schriftführer)
    Heinrich Jürgen König (Kassenwart)
    Michael Wacker (stellvertretender Sprecher)

  • Überblick über die Mitglieder des BVTB >>>hier

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