Innovation, Intrapreneurship, Effectuation – Was macht HR dabei? Interview mit Birgit Mallow

Der HR Innovation Day 2019 kommt mit Riesenschritten näher. Heute antwortet Birgit Mallow auf meine Fragen. Ich konnte sie bereits zum dritten Mal als Workshop-Host für den HR Innovation gewinnen.

Birgit Mallow

In diesem Jahr steht ihr Workshop unter der Überschrift „Wie Sie unter Ungewissheit für Innovationen den Schatz im eigenen Unternehmen nutzen. Fördern Sie Intrapreneurship mit Effectuation.“ Herzlichen Dank bereits an dieser Stelle an Birgit Mallow für die erneute Mitwirkung beim HR Innovation Day und selbstverständlich auch für dieses Gespräch.

Wald: Liebe Frau Mallow, mit den Stichworten Innovation, Intrapreneurship und Effectuation im Thema Ihres Workshops haben Sie sehr aktuelle Konzepte im Gepäck, die bei den Teilnehmern des HR Innovation Days auf großes Interesse stoßen werden. Können Sie kurz die Inhalte dieser Begriffe beschreiben und darauf eingehen, wie Sie den Zusammenhang zwischen diesen Begriffen sehen?

Mallow: Der rasante technische Fortschritt und die global gewordenen, dynamischen Märkte führen zu den Phänomenen, die wir oft einfach auf die Begriffe VUCA-Welt und Digitalisierung reduzieren. Tatsächlich führt die Entwicklung aktuell dazu, dass eine Branche nach der anderen unerwartete Mitbewerber und disruptive Veränderungen erlebt. Die Fähigkeit zur schnellen Innovation gilt deshalb eine der entscheidenden Kompetenzen für Unternehmen, um zukunftsfähig und dynamikrobust zu sein. Mit Innovation gemeint sind hier nicht nur kleine oder größere Produktverbesserungen und Prozessoptimierungen. Mit Innovation gemeint sind vielmehr Ideen, die das Potential für grundlegend neue Geschäftsmodelle haben. So etwas parallel zum Bestandsgeschäft zu entwickeln ist eine große Herausforderung. Viele Unternehmen haben hierzu in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen: Gründung eigener Innovation Labs oder Kooperationen mit bestehenden Startups, Beteiligungen an Digital Hubs oder eigene Inkubator Programme, Nutzung von Open Innovation und Co-Creation, agile Arbeitsweisen in der Produktentwicklung. Die moderne Entrepreneurship-Forschung zeigt uns auf, dass die initiale Idee in der Regel vom einen Individuum ausgeht. Das crossfunktionale Team kommt erst im nächsten Schritt ins Spiel, wenn es darum geht, die Idee auszugestalten und komplexe Lösungen für Produkte und Services zu entwickeln. Und hier gilt es in vielen Unternehmen tatsächlich einen Schatz zu heben und Mitarbeiter als Intrapreneure zu gewinnen und zu fördern. Intrapreneurship, also Unternehmertum im Unternehmen, wird oft gefordert und viele Unternehmen bieten Anreize und systematische Programme dafür. Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, hier die Hürden möglichst niederschwellig zu halten, um den Ideen-Pool zu vergrößern. Und da kommt Effectuation ins Spiel. Effectuation ist zunächst ein Ergebnis moderner Entrepreneurship-Forschung und beschreibt die Prinzipien, nach denen erfolgreiche Mehrfachgründer unter Ungewissheit entscheiden und strukturiert ins Handeln kommen. Effectuation ist mittlerweile aber auch eine Methode mit einem umfangreichen Werkzeugkoffer aus Formaten für Individuen, Gruppen und Teams bis hin zu Großgruppen. Und das ist hier vielleicht die wichtigste Nachricht: Unternehmerisches Handeln unter Ungewissheit ist erlernbar. Effectuation als Methode bietet einen schnellen und niederschwelligen Einstieg um Mitarbeiter als Intrapreneure zu gewinnen und zu ermutigen, ihre Ideen und Neues in die Welt zu bringen.

Wald: Dies klingt interessant und nachvollziehbar. Wie lässt sich dies in den Unternehmen umsetzen? Können Sie hier auf konkrete Erfahrungen zurückgreifen?

Mallow: Seit ich Effectuation kenne, versuche ich systematisch die Prinzipien und einfachen Formate unter Ungewissheit einzusetzen. Ich nutze das nicht nur für mich selbst, sondern unterstütze auch meine Kunden dabei, in Situationen großer Ungewissheit auf Effectuation-Formate zurückzugreifen. Und Ungewissheit haben wir naturgemäß immer da, wo es um Innovationen und etwas wirklich Neues geht. Das lässt sich wunderbar in agile Arbeitsweisen integrieren und so manches Scrum Team, das ich als Agile Coach begleitet habe, konnte den Einstieg in eine große Herausforderung schneller und besser effektuierend bewältigen als dies rein analytisch möglich gewesen wäre. Gerne arbeite ich auch mit dem „Marktplatz der Macher“ – das ist eine an Effectuation-Prinzipien orientierte Großgruppen-Konferenz, auf der Ideengeber kleine Schnellboote starten können – auch hier wieder alles sehr einfach und niederschwellig. Aus diesen ersten kleinen Initiativen können dann im nächsten Schritt Jam Sessions, Hackathons oder ein Design Thinking oder Scrum Projekt entstehen. Mit diesen Methoden kennen sich viele meiner Kundenunternehmen bereits aus; dank Effectuation-Ansatz können sie dafür nun aus einem viel größeren Fundus an Ideen schöpfen. Seit letztem Jahr gehöre ich zum kleinen Kreis der ausgebildeten Effectuation Experts im deutschsprachigen Raum und wir sind immer wieder im Austausch miteinander. In diesem Kreis entstehen immer wieder neue Formate und Erfahrungen in verschiedenen Anwendungsfeldern für Effectuation wie Digitalisierungsprojekte, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Führungskräfteentwicklung usw.

Wald: Welche Rolle kann dabei das Personalmanagement in den Unternehmen spielen? Ich spiele hier auch etwas auf das Motto des diesjährigen HR Innovation Days an.

Mallow: Das Personalmanagement hat nach meiner Erfahrung eine sehr wichtige Aufgabe dabei. Denn wie bei allen großen Herausforderungen unserer Zeit, wie Digitalisierung oder Wandel zu einer agilen Organisation, bedeuten auch Innovationsfähigkeit und Intrapreneurship für die meisten Unternehmen einen großen Kulturwandel. Mit Effectuation lässt sich das leicht aufzeigen: Die Prinzipien und Formate wirken leichtfüßig und wie gesunder Menschenverstand. Aber wenn es an die Umsetzung geht, greifen viele Führungskräfte und Projektverantwortliche unter Ungewissheit doch reflexhaft wieder auf gewohnte Managementprozesse und Planungsansätze zurück. Hier können Seminare gut unterstützen, die neue Werkzeuge vermitteln, Erfahrungslernen ermöglichen und Raum für Reflektion und Transfer bieten. Die Entwicklung und Evaluation solcher „Lernräume“, spezifisch für das eigene Unternehmen und auch für verschiedene Zielgruppen, ist ja eine Kernaufgabe von HR. Die Seminare können dann Teil eines größeren Organisationsentwicklungsprogrammes und Kulturwandels sein. Hilfreich ist ein tieferes Effectuation-Verständnis gerade auch für Führungskräfte. Dabei gilt es zu verstehen, dass Effectuation nicht das Allheilmittel, sondern nur in bestimmten Situationen oder Phasen nützlich ist. Bewährte klassische Vorgehensweisen behalten genauso ihre Existenzberechtigung wie moderne agile Arbeitsweisen, bspw. Scrum, Kanban oder DevOps. Es geht also um eine Erweiterung des Werkzeugkoffers und der Handlungsoptionen. In diesem Zusammenhang hören wir zurzeit viel von Ambidextrie, also Beidhändigkeit: Unternehmen sollen sowohl Effizienzsteigerung und Standardisierung im Tagesgeschäft beherrschen als auch eine hohe Innovationsfähigkeit für künftige neue Geschäftsmodelle besitzen. Für Führungskräfte wird Ambidextrie nun sehr viel besser greifbar und konkret, denn Effectuation als Methode und Haltung ist erlernbar und es gibt Kriterien für den Anwendungsbereich. Und mit gezielten Programmen auf Mitarbeiterebene lassen sich mehr Intrapreneure gewinnen und fördern, die eine ungewisse Zukunft mitgestalten wollen – der Schatz an eigener Kreativität im Unternehmen kann gehoben werden. Das Personalmanagement hat also eine Schlüsselrolle als „Enabler“ des Wandels durch Befähigung und Begleitung der Beteiligten.

Wald: Wie werden Sie mit den Workshop-Teilnehmern vorgehen? Bekommen die Teilnehmer einen Einblick in Ihre Beratungspraxis?

Mallow: Im Workshop steigen wir zunächst mit den Effectuation-Prinzipien und dem Effectuation–Prozess ein. Den Schwerpunkt des Workshops bilden ein paar einfache praktische Übungen. Idealerweise nehmen die Workshop-Teilnehmer Ideen für ihre eigene Praxis mit: Konkrete Ideen, wie sie in einer aktuellen Herausforderung auch unter Ungewissheit strukturiert die erste Schritte gehen können. Und erste Ideen, wie sie die Innovationsfähigkeit und Intrapreneure im eigenen Unternehmen fördern können. Und natürlich berichte ich aus meinen eigenen praktischen Erfahrungen in Beratungsprozessen. So unterstütze ich bspw. gerade in einem Konzern den HR-Bereich dabei, mit Effectuation für sich selbst Neuland zu erschließen und aktuelle Herausforderungen anzugehen. In anderen Fällen habe ich Startup-Teams oder (skalierte) Scrum Teams damit unterstützt.

Wald: Eine wichtige Frage zum Schluss. Warum nehmen Sie wieder am HR Innovation Day teil?

Mallow: Es ist wirklich eine große Freude für mich, dass ich wieder beim HR Innovation Day mit einem Workshop dabei bin. Mir gefällt die Vielfalt der Teilnehmer: Das Spektrum reicht vom gestandenen Personalleiter oder Personalreferent über die selbständigen oder angestellten Personalberater und Recruiter bis zu den Personalmanagement-Studierenden – das macht die Diskussionen und den Austausch lebendig und interessant. In meinen letzten Workshops habe ich die Teilnehmer immer auch als sehr offen für Neues und aufrichtig interessiert an praktischen Übungen erlebt. Generell ist der HR Innovation Day ja längst nicht mehr nur ein Insider-Geheimtipp, sondern genießt längst auch internationale Aufmerksamkeit. Ich freue mich schon auf die interessanten KeyNotes und darauf, selbst einen der anderen Workshops zu besuchen – das Programm verspricht jedenfalls wieder sehr spannende Impulse. Und nicht zuletzt freue ich mich sehr, dass ich in Leipzig auch Sie, lieber Herr Professor Wald, wieder persönlich treffe und wir uns austauschen können.

Wald: Herzlichen Dank für dieses Interview und die netten Worte. Ich freue mich sehr auf Ihren Workshop am 25. Mai 2019 in Leipzig.

Zu meiner Gesprächspartnerin: Birgit Mallow ist Dipl.-Informatikerin der Fachrichtung Psychologie und seit über 20 Jahren als Organisationsentwicklerin und Management-Beraterin tätig. Seit 2005 ist sie selbständig und arbeitet neben ihren eigenen Projekten in der Birgit Mallow Organisationsentwicklung und Prozessberatung auch mit verschiedenen Consulting-Firmen und  Netzwerken zusammen. Frau Mallow ist auf die Einführung agiler Arbeitsweisen und die Entwicklung agiler Wertschöpfungs-Organisationen, auf Transformationsprozesse und wertebasierte Kulturveränderungen sowie auf partizipative Entscheidungsprozesse spezialisiert. Als Beraterin, Change Facilitator, Trainerin und Agile und Innovation Coach unterstützt sie Teams und Führungskräfte bei agilen Transitionen und für Innovationen. Sie ist hierzu sowohl in IT- als auch in Non-IT-Bereichen im Einsatz und widmet sich mit Leidenschaft und Freude der Befähigung und Weiterentwicklung von Menschen, Teams und Organisationen, mehr Wertschöpfung in den Unternehmen zu erreichen.

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