Schirrmacher auf der Zukunft Personal in Köln: Grenzt die Internet-Nutzung an Körperverletzung?

Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Bad Soden /ghk. Frank Schirrmacher hat sich als Journalist und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „kritischer Geist“ gegen eine  unreflektierte Nutzung des Internets einen Namen gemacht.

Es ist deshalb nicht ganz verwunderlich, dass auf den Seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Themen Netzwirtschaft und Internet-Nutzung einen angemessenen Raum für Berichte und Analysen eingeräumt wird.

In seinem viel diskutierten Buch „Payback“ setzt sich Frank Schirrmacher kritisch mit der Internet-Nutzung, und mit nichts Geringerem als der „Rückgewinnung über unser Denken“ auseinander.

Ein packendes und herausforderndes Thema. Das haben sich auch die Planer der wohl wichtigsten Personal-Messe, der „Zukunft Personal“ in Köln gedacht und Schirrmacher zu einem Keynote-Vortrag am ersten Messetag eingeladen.

 

Keynote-Vortrag:

„Die Zukunft des Lernens – zwischen digitaler Überforderung und souveränem Wissensgebrauch“

Dienstag, 12. Oktober 2010,
14.30 – 15.30 Uhr, Keynote-Forum, Halle 3.2
im Anschluss Public Interview und Signierstunde

 

Grenzt das Internet an „Körperverletzung“? Frank Schirrmachers umstrittene These in der Diskussion

Vor einer Überforderung des Menschen durch das Internet und einer fast pathologischen Zunahme von Konzentrationsstörungen warnt Frank Schirrmacher, der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Obwohl die Menschen mehr als je zuvor wüssten, fürchteten sie sich trotzdem unaufhörlich, das Wichtigste zu verpassen.

Multitasking ist Körperverletzung

Die Ideologie des Multitasking, eine Art digitaler Taylorismus mit sadistischer Antriebsstruktur hat deshalb so weitreichende Wirkungen in die wirkliche Welt, weil sie voraussetzt, dass Menschen jederzeit mehrere Dinge gleichzeitig machen können. … Multitasking ist eine sich selbst beschleunigende Abwärtsspirale, bei der man am Ende nur noch dafür lebt und arbeitet, die Ablenkungen, die sie produziert, von sich fernzuhalten.
Frank  Schirrmacher, Payback. Karl Blessing Verlag, München 2009.

Systembedingte Spitzelei

Wer nun der Ankündigung der Organisatoren auf www.hrm.de folgen will und mehr über die Ankündigung dieses Themas erfahren will, wird mit einer Barriere der freien Internetnutzung konfrontiert, die gelegentlich bei Fachmagazinen des Personalbereichs unrühmlicher Usus geworden ist: Vor dem Lesen hat der Webseiten-Betreiber die Registrierung bzw. das Login als registrierter Benutzer gefordert und flugs ist die erste virtuelle Körperverletzung in vollem Gang.

Falls sich ein Internetnutzer über diese Zugangsbarriere hinwegsetzt und sich bei hrm.de registriert und einloggt, um den Ankündigungstext zu lesen, sieht er eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Auf den ersten Blick und unsichtbar unter Wasser verborgen ist jedoch die Thematik der „Systembedingten Spitzelei“, die in einem Artikel des Schirrmacher-Mediums Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 24. September publiziert wurde.


Dort setzt sich Stefan Tomik mit Googles  Sammelwut von Nutzerinformationen auseinander. Im Mittelpunkt des Artikels, der sich mit IP-Adressen, vermeintlich personenbezogenen Informationen und dem Kampf der bundesrepublikanischen Datenschützer gegen die Sammlung von Nutzerinformation auseinandersetzt, steht das Web-Traffic-Analyse-Programm „Google Analytics“. Wer eigentlich als Leser der FAZ erwartet hätte, einen solches Thema eher auf der Seite „Netzwirtschaft“ zu finden, reibt sich verwundert die Augen: Der Artikel wird ganz prominent im Politik-Teil der FAZ auf Seite 3 präsentiert.

Kritischer Journalismus oder einfach nur Google-Bashing?

Die Diskussion um Google Street View hat gezeigt, dass Google, Facebook, Twitter und Co im Mainstream des Agenda-Settings der Journalisten und Redakteure angekommen sind, versprechen sie doch Aufmerksamkeit und Leserreichweite und erfüllen so ganz nebenbei die Anforderungen des „Empörungs-Journalismus“.


Wen kümmert es in der Diskussion um Street View, dass Bundesbehörden Luftaufnahmen von Grundstücken, Häusern und Straßenzügen in Online-Datenbanken sammeln und für Marketingzwecke der Immobilienbranche und dem Gebäude-Isolierungsbau  zur Verfügung stellt?  (Mehr:  Solarkataster für jede Gemeinde oder Spiegel Online: Spanner von Oben )

Faustischer Pakt

Ähnliche Diskussionen scheinen sich nun in den Publikumsmedien mit dem Thema IP-Adressen und Google Analytics zu entwickeln, wie Stefan Tomiks Artikel in der FAZ zeigt.  So schreibt Tomik:

„Es ist ein faustischer Pakt, den Google mit unzähligen Betreibern von Websites geschlossen hat. Google stellt ihnen eine Software zur Verfügung, mit der sie die Besucher ihrer Seiten beobachten können, so sehen sie, wo jemand wohnt, welche Seite der vorher angeschaut hat, wie er sich im Internetangebot bewegt, wohin er weiterklickt, wann er aussteigt und sogar, wann er wiederkommt“.  … Die Informationen werden automatisch nach Amerika geschickt und in Googles Rechenzentren verarbeitet. So erhält der Internetkonzern Zugriff auf die Daten von Hunderten von Millionen Nutzern aus aller Welt. Die meisten wissen gar nichts davon. … Im Mittelpunkt der Kritik an „Google Analytics“ steht, dass die Software IP-Adressen ausliest und speichert. … Und wer soll überprüfen, ob das Unternehmen daraus wirklich keine personalisierten Profile bildet? Der Staat? ‚16.4 feste Mitarbeiter habe er zu Verfügung‘, sagt der Hamburger Datenschutzbeauftrage Johannes Caspar. Dann rechnet er vor, für welche Aufgaben wie viele Stellen abzuziehen sind. ‚Am Ende bleiben drei bis vier Mitarbeiter übrig, die sich um Google, Facebook und eine Reihe weiterer Firmen kümmern sollen‘, sagt Caspar. ‚Es ist schwierig, das alles umzusetzen‘.“

Beim Datenschutz den Blick über den Tellerrand wagen

Wer sich als Journalist mit Datenschutzproblemen, Google Street View, Speicherung von IP-Adressen und Sammlung von Nutzerinformationen auseinandersetzt, sollte auch das ganze Spektrum der Datenschutzprobleme im Blick haben, um kritisches Denken zu unterstützen und nicht dem journalistischen Populismus zu verfallen. Die Beispiele des Solarkatasteramts werden im Zusammenhang mit der Google-Street-View so gut wie nicht diskutiert. Wenn benutzerbezogene Daten gesammelt und in amerikanische Rechenzentren zur weiteren Analyse übertragen werden, ist das natürlich ein vordergründiges Thema Marke „Systembedingte Spitzelei“.


Da verdrängen Journalisten die Problematik des Flugpassagier-Datenaustauschs oder die kürzlich vom EU-Parlament abgenickte Genehmigung, alle grenzüberschreitenden Zahlungen, die per S.W.I.F.T. abgewickelt werden, auch gleich den US-Behördern für ihre vorgebliche Terrorismusbekämpfung zur Verfügung zu stellen. Internationale Industriespionage ist natürlich überhaupt kein Thema.  Auch nicht für Journalisten der Qualitäts-Medien.

Online-Recruting ohne Zugangsbarrieren

Das Online-Recruiting lebt von der möglichst hohen Reichweite der in Jobbörsen, Jobsuchmaschinen oder Arbeitgeber-Karriereportalen publizierten Stellenangebote. Keinem vernünftig denkenden Personaler oder Recruiting-Marketeer würde es einfallen, im Zusammenhang mit der Publikation von Stellenanzeigen Zugangsbarrieren wie Online-Anmeldung und Benutzerregistrierung zu fordern. Die Reichweite würde sich daramatisch senken – Stellensuchende würden sich konsequent von solchen Portalen abwenden.

Und so ist es eher eine geringfügige Störung, wenn die Betreiber des Portals Hrm.de als Veranstalter der Messe Zukunft Personal die Hürden für den Informationszugriff auf Ankündigungen etwas höher legen und eine Registrierung der Benutzer bzw. ein Login fordern. Dass natürlich damit auch Nutzerinformationen gesammelt werden (können), steht auf einem anderen Blatt, das einige Journalisten nicht unbedingt lesen wollen.


Mit seiner Charakterisierung des Google-Geschäftsmodells als „Faustischer Pakt“ greift Stefan Tomlik etwas zu tief in die journalistische Kiste der Literaturvergleiche.

Goethe würde sich im Grab umdrehen ob einer solchen Geringschätzung. Sein Mephistopheles verspricht dem Dr. Faust immerhin, ihm im Diesseits alle Wünsche zu realisieren, sei es Erfüllung oder Lebensglück oder beides:

Werd‘ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!“.



Das Google-Managment-Triumvirat um Sergey Brin, Larry Page und Eric Schmidt würden trotz ihres immensen Reichtums den Teufel tun und Milliarden von Google-Nutzern Erfüllung und Lebensglück versprechen. So etwas würden sich nur der Papst oder Mephistopheles trauen. Der Eine mit Zuständigkeit für das Jenseits, der Andere mit Bezug auf das Diesseits.

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