BIP-Potenzial von zehn Billionen US-Dollar durch Arbeitskräftelücke gefährdet

Dr. Rainer Strack
Dr. Rainer Strack

BCG-Studie: Bis 2030 könnten durch Mangel bzw. Überschuss an Arbeitskräften mehr als zehn Prozent des weltweiten BIP verloren gehen – In Deutschland droht bis zum Jahr 2030 eine Lücke von bis zu zehn Millionen Erwerbstätigen

München – Das demografische Risiko ist einer der drängendsten Megatrends für die Weltwirtschaft – mit unterschiedlichen Ausprägungen in den einzelnen Regionen. Mangel bzw. Überschuss an Arbeitskräften werden weltweit derart akut, dass zehn Billionen US-Dollar des globalen BIP in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten gefährdet sind. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie The Global Workforce Crisis der Boston Consulting Group (BCG).

BCG untersuchte Angebots- und Nachfragetrends in 25 führenden Volkswirtschaften – darunter die G-20 –, um die Dimensionen von Mangel und Überschuss an Arbeitskräften für die Jahre 2020 und 2030 zu prognostizieren. Generell wird bis 2020 in vielen Ländern noch ein Überschuss bestehen; doch bis 2030 werden selbst solche Länder, die zuvor einen großen Überhang an Arbeitskräften aufwiesen, von Arbeitskräftemangel betroffen sein. „Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit vieler Länder sind erheblich“, sagt Rainer Strack, Senior Partner bei BCG und einer der Studienautoren. „Staaten, Unternehmen und andere Institutionen müssen jetzt handeln, wenn sie langfristig Schaden von ihrer nationalen und regionalen Wirtschaft, aber auch von der Weltwirtschaft abwenden wollen.“

Ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wird zukünftig eher die Ausnahme als die Regel sein, wobei die Ausprägungen in den einzelnen Regionen sich höchst unterschiedlich gestalten:

  • In Deutschland werden bis zum Jahr 2020 bis zu 2,4 Millionen Arbeitskräfte fehlen, im Jahr 2030 könnten es bereits zwischen 8,4 und zehn Millionen sein. Ohne Einleitung entsprechender Maßnahmen wird die Bundesrepublik ihre historischen BIP-Wachstumsraten nicht erreichen.
  • Für Brasilien prognostiziert die Studie eine Lücke von bis zu 8,5 Millionen Erwerbstätigen im Jahr 2020, die bis 2030 auf 40,9 Millionen ansteigen könnte; das entspricht 33 Prozent der Arbeitskräfte und ist damit im Jahr 2030 die größte Arbeitskräftelücke der 25 untersuchten Volkswirtschaften.
  • Chinas Überschuss von 55,2 Millionen bis 75,3 Millionen Arbeitskräften im Jahr 2020 könnte sich in einen Mangel von bis zu 24,5 Millionen im Jahr 2030 umkehren.
  • Die USA werden voraussichtlich einen Überschuss von 17,1 Millionen bis 22,0 Millionen Erwerbstätigen im Jahr 2020 aufweisen – und auch im Jahr 2030 über ein Plus von dann mindestens 7,4 Millionen Arbeitskräften verfügen.
  • Für Frankreich, Großbritannien und Italien ergibt sich ein Überschuss im einstelligen Bereich im Jahr 2020, in der darauffolgenden Dekade jedoch ein Mangel.
  • Der größten Herausforderung sieht sich Südafrika mit einem voraussichtlichen Überhang von 36 Prozent im Jahr 2020 gegenüber, der bis 2030 sogar auf 39 Prozent ansteigen wird.

Die Probleme, die sich aus einem Überschuss an Arbeitskräften ergeben, sind bekannt: Eine hohe Arbeitslosenquote senkt das Steueraufkommen und erhöht die Kosten für Sozialausgaben sowie die Risiken für soziale Instabilität. Auf lange Sicht kann ein Überschuss an Erwerbstätigen zu einer Abwanderung von Kompetenzen führen und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes und dessen Attraktivität für Investoren mindern. Ebenso schädlich für die Wirtschaft sind jedoch die Probleme, die mit einem Mangel an Arbeitskräften einhergehen. Wenn offene Stellen nicht besetzt werden können, begünstigt das die Lohninflation; vor allem aber werden Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit behindert.

Schließung der Arbeitskräftelücke in Deutschland
Um zwei unterschiedliche Szenarien zu berechnen, nutzten die BCG-Experten die BIP- und Produktivitätsraten für zwei Zeitspannen: die zurückliegenden zehn Jahre und die letzten 20 Jahre. Auf dieser Grundlage prognostizierten sie die Anzahl der Arbeitskräfte, die jedes Land benötigt, um das BIP- und das Produktivitätswachstum für 2020 und 2030 auf historischem Niveau zu halten.

Zur Schließung der Arbeitskräftelücke in Deutschland von über acht Millionen im Jahr 2030 müsste nach Einschätzung der BCG-Experten eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet werden. Ein mögliches Szenario würde beinhalten:

  • Eine Erhöhung der Erwerbstätigenquote der 65-Jährigen und Älteren von aktuell 4,1 Prozent auf zehn Prozent
  • Eine Erhöhung der Erwerbstätigenquote von Frauen im erwerbsfähigen Alter von derzeit 71 auf 80 Prozent. Die offizielle Statistik unterscheidet nicht zwischen Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigung; viele Frauen in Deutschland arbeiten in Teilzeit, wodurch die Erwerbstätigenquote erhöht wird. Ein weiterer Ansatz zur Schließung der Arbeitskräftelücke bestände daher darin, mehr Frauen in Vollzeitstellen zu bringen.
  • Eine Steigerung der Nettozuwanderung auf 460.000 Immigranten jährlich bis 2030. Diese Zahl wurde 2013 fast erreicht, in den Jahren zuvor jedoch deutlich unterschritten. Zugleich müsste sichergestellt werden, dass die Erwerbsquote von Immigranten mindestens der Quote der einheimischen Bevölkerung entspricht.
  • Eine Erhöhung des Wachstums der Arbeitsproduktivität von aktuell 0,87 Prozent auf 1,15 Prozent, was enorme Investitionen in Bildung und Qualifizierung bedingen würde.

Die Studie beinhaltet detaillierte Informationen über die wichtigsten Märkte und beschreibt einige grundlegende Ansätze, mit denen Regierungen die Folgen der Ungleichgewichte mildern können (siehe Abbildung 6 aus der Studie, die die prognostizierten Ungleichgewichte veranschaulicht).

Es handelt sich um die erste Veröffentlichung innerhalb einer Studienreihe zu diesem Thema; die folgenden Ausgaben werden den Überschuss bzw. Mangel für einzelne Bildungslevel und damit die Auswirkungen globaler Arbeitskräfteimbalancen spezifizieren.

„Ein Land kann auf den ersten Blick ein vermeintlich perfektes Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage aufweisen“, beobachtet Rainer Strack, der bei BCG weltweit für Personalthemen verantwortlich ist. „Aber bei genauer Betrachtung könnte sich ein Überschuss von einer Million Erwerbstätigen mit Primärausbildung und zugleich ein Mangel von einer Million Arbeitskräften mit höherer Schulbildung zeigen. Diese Art tiefergehender Analysen verdeutlicht wesentliche Herausforderungen für Regierungen und Unternehmen. Um Angebot und Nachfrage zu analysieren und Lösungen zu finden, sind weitaus differenziertere Tools erforderlich.“

Download Studie

 

 

Über Boston Consulting Group

The Boston Consulting Group (BCG) ist eine internationale Managementberatung und weltweit führend auf dem Gebiet der Unternehmensstrategie. BCG unterstützt Unternehmen aus allen Branchen und Regionen dabei, Wachstumschancen zu nutzen und ihr Geschäftsmodell an neue Gegebenheiten anzupassen. In partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Kunden entwickelt BCG individuelle Lösungen. Gemeinsames Ziel ist es, nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu schaffen, die Leistungsfähigkeit des Unternehmens zu steigern und das Geschäftsergebnis dauerhaft zu verbessern. BCG wurde 1963 von Bruce D. Henderson gegründet und ist heute an 81 Standorten in 45 Ländern vertreten. Das Unternehmen befindet sich im alleinigen Besitz seiner Geschäftsführer. In Deutschland und Österreich erwirtschaftete BCG im Jahr 2013 mit 1.500 Mitarbeitern einen Umsatz von 510 Millionen Euro. Für weitere Informationen: www.bcg.de

In ihrem Internetportal bcgperspectives.com bündelt die Boston Consulting Group alle unternehmenseigenen Studien, Kommentare, Grafiken und Videos und stellt sie online zur Verfügung. Neben Publikationen zu aktuellen Wirtschafts- und Unternehmensthemen beinhaltet die Plattform auch Veröffentlichungen aus der 50-jährigen Unternehmensgeschichte. Das Onlineportal findet sich unter www.bcgperspectives.com.

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