Bewerberratgeber in Zeiten der elektronischen Post

Persönliche Botschaft an Saskia Heine

Bewerberratgeber Gerhard Winkler ist ein alter Hase, was die Formulierung von Anschreiben betrifft – und ein schlauer Fuchs, wenn er in seinen Lehrgängen und Workshops auf die Fußfallen eingeht, die den Bewerber auf dem Weg zum Job erwarten können. Da hat er manch nützlichen Rat, keine Empfehlung von der Stange, sondern extrahiert aus den mehr oder weniger erfolgreichen Schreibergüssen der Bewerber.
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Bewerbungen per E-Mail sind eigentlich eine feine Sache, schnell und reibungslos erreichen diese den Recruiter. Aber auch diese vermeintliche schmerzfreie Methode hat Risiken und Nebenwirkungen, vor denen Bewerberratgeber Winkler warnt.

Sehr geehrte Frau Heyne, besten Dank für Ihre Bewerbung, deren geglückten Eingang ich Ihnen gern anzeige:

 

Zur Sicherheit habe ich Ihre E-Mail bereits an die Instanz weitergeleitet, die bei uns für das Verfolgen von Personalsachen zuständig ist:

https://polizei.brandenburg.de/onlines…/auswahl_strafanzeige

Es wird Sie gewiss nicht überraschen, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, dass eine von uns angebotene Stelle ebenso wenig existiert wie Sie. Lassen Sie mich aber die Gelegenheit nutzen und Sie auf einige Eigentümlichkeiten bei der Stellenfindung in Deutschland hinweisen.

1 Verheimlichen Sie in Ihrer Mailadresse nicht, wer Sie sind und wer Ihre Post austrägt.

Vor dem @ machen Sie es sogar richtig. Sie signalisieren, dass Sie Ihren Namen für sich sprechen lassen wollen. Nach dem @ verwenden Sie allerdings eine Domain-Angabe, die über einen in Miami (USA) sitzenden Händler angemeldet wurde und deren sämtliche Kontaktangaben nicht über WHOIS-Anfragen erfragt werden können. Sich so zu verstecken ist, gelinde gesagt, höchst alarmierend. Über wen ein Bewerber seine E-Mails versendet, interessiert einen Arbeitgeber aus mehreren guten Gründen. Ihr Provider ist nicht feststellbar. Sie selbst sind eine Kunstfigur.

Zu dem, wer und was einer ist, trägt also sehr wohl bei, von welchem Konto er schreibt. In Ihrem Fall spricht ein kurzer Besuch bei <!>acupunctureinla.com<!> leider ganz und gar nicht für Sie:

2 Notieren Sie im Mail-Betreff die von Ihnen angestrebte Ziel-Position oder eine spezifische Tätigkeit. 

Die Impact-Getriebenen unter den Jobkandidaten notieren im Betreff ihrer Anschreiben nur den Jobtitel («Leiterin IT-Sicherheit») oder eine Tätigkeit («IT-Sicherheitsmanagement») plus noch die Chiffrenummer (sofern diese vorliegt). «Bewerbung um + Stelle» schreiben die meisten Jobsuchenden, die Ihre Absichten etwas umständlicher darlegen wollen. Doch Ihre freche «Bewerbung auf die angebotene Stelle» ist ein dreister Versuch, auf jeder noch so kleinen Einstellungswelle zu reiten.

3 Sprechen Sie einen Bewerbungsempfänger nur dann nicht namentlich an, wenn Sie seinen Namen beim besten Willen nicht ausfindig machen konnten.

Wem wollen Sie sich als künftige Mitarbeiterin in einer Arztpraxis denn wohl präsentieren, wenn nicht dem Arzt? Welche «sehr geehrten Damen und Herren» sind denn wohl in einem Steuerbüro Carola Werner für die Personalbeschaffung zuständig? Sie werden (vor allem als Anfänger) vielleicht Probleme haben, in den großen und in vielen mittleren Unternehmen in Deutschland einen namentlichen Ansprechpartner zu finden. Bei den meisten Arbeitgebern in Deutschland springt Ihnen der Name von Inhabern oder Geschäftsführern ins Auge. Bereits Ihr E-Mail-Betreff, teure Frau Heyne, war unspezifisch. Ihre Anrede beweist einmal mehr, dass Ihre Scheinbewerbung nicht an einen bestimmten Arbeitgeber geht, sondern an einen geistesabwesenden oder von allen guten Geistern verlassenen PC-Nutzer.

Ihre Is-mir-egal-Bewerbung ist also weder originell noch bei deutschen Arbeitgebern populär. Außer vielleicht bei den Berliner Verkehrsbetrieben ist an einer Jobvergabe in Deutschland alles eigen und spezifisch: Was zeichnet Sie aus? Wieso diese Tätigkeit? Wieso dieser Arbeitgeber? Arbeitgeber hierzulande wissen genau: Wer schon in der Bewerbung nichts bietet, der kann nur schaden.

4 Bedenken Sie, dass in Deutschland meist nur funktionale Analphabeten Ihr Anschreiben als reines Begleitschreiben texten.

Ihre «mit großer Freude» gelogene Selbsteinführung belegt, dass die Vorlage für Ihr Anschreiben aus einer Weltgegend kommt, in der ein falscher Zungenschlag das Miteinander prägt. Ein höflich-dreistes Anschreiben wie das Ihre, das so gar nichts taugt, verweist in einem westlichen Jobumfeld immer darauf, dass auch der Bewerber nicht viel taugt – oder dass er, so wie Sie, ein ausgesprochener Tunichtgut ist.

Die domestikenhafte Arroganz, die Sie zelebrieren, hat etwas Geisterhaftes. Ihr geschäftiger Ton, Ihr Gebrauch des bildungssprachlich-schnöseligen «kontaktieren» erinnert tatsächlich an eine armselige Figur aus der Zeit Gogols. Darf ich es für wahrscheinlich halten, hoch verehrte Saskia Heyne, dass Sie virtueller Bartträger sind?

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5 Fügen Sie Ihre Kontaktdaten am Mail-Ende an.

Bewerben, so werde ich nicht müde zu wiederholen, bedeutet vor allem, Vertrauen einzuwerben. Dazu zählt, dass Sie bereits im E-Mail-Anschreiben darstellen, welcher akademische Titel zu Ihrem Namen gehört, wo Sie genau wohnen und wie man Sie fernmündlich oder mit einer Handy-Nachricht sofort erreicht. Das leisten seriöse Bewerber in Form einer Signatur am E-Mail-Ende.

6 Versenden Sie Anhänge als PDF und nicht im MS Office-Format.

Kein Arbeitgeber akzeptiert E-Mail-Anhänge im MS Office-Format, die von unbekannten Absendern kommen. Auch seine geschulten Mitarbeiter erinnern sich noch zu gut an die mehrtägigen Groß-Events Client/Server-Crash 2011 und Der-Bildschirm-war-zuerst-tot 2014.

Und selbst, wenn Holgi, der Schülerpraktikant, an Tag 5 seines zweiwöchigen Praktikums aus reiner Neugierde den Anhang anklicken würde, poppt da immer noch eine Warnung auf:

«Das Ding steckt voller ekliger MAKROS. Holgi, willst Du wirklich, dass auf dem Firmen-PC ausgerechnet die Ausführprogramme einer hoch schadensfrohen Malware aktiviert werden?»

(Hoffen wir, dass unser Holgi kein High-Risk-Schülerpraktikant ist.)

Kommen wir zum Schluss: Verbrechen lohnt sich nicht, und schon gar nicht, wenn man es stümperhaft betreibt. Cyber-Kriminelle (nichts für ungut, liebe Frau Heyne) bauen auf die Unachtsamkeit oder Ahnungslosigkeit von E-Mail-Empfängern. Für Jobsuchende ist das keine gute Strategie.

Was haben wir sonst noch gelernt, Frau Heyne? Legen Sie Ihre E-Mail, wenn Sie sich nach einer hoffentlich längeren Auszeit beruflich umorientieren wollen, nicht als Hülle an, in der Sie Ihre eigentliche Bewerbung einwickeln.

Sie sollten in ihrer E-Mail sofort zur Sache kommen. Arbeitgeber wollen keine Malware anklicken. Sie wollen eine instruktive Mail plus ein PDF oder zwei PDF-Anhänge. Und schon aus der Mail will man lesen: Wer genau bewirbt sich um genau welche Stelle (oder Tätigkeit) und welche nachprüfbaren Fakten untermauern diesen Job-Claim und wie kann man die gute „f“ oder den guten „m“ oder das gute „d“ zwar nicht «kontaktieren», aber umstandslos erreichen?

Über Gerhard Winkler

Quelle: Gerhard Winkler, jova.nova.com