Ohne Namen, ohne Gesicht, ohne Verstand – Sie finden anonyme Bewerbungsverfahren gut?

Gerhard Winkler
Gerhard Winkler

Ein Kommentar von Gerhard Winkler

Sie finden anonyme Bewerbungsverfahren gut?

– Dann fehlt Ihnen das Verständnis für die Personalbeschaffung vor allem von mittleren und kleinen Unternehmen.

– Dann stellen Sie das Erkenntnisinteresse von Stellenanbietern unter den Generalverdacht der Unsittlichkeit.

– Dann verkennen Sie, dass Ihre Zeitgenossen bereits aus freien Stücken ihre Lebensspuren im virtuellen Raum ziehen. So viele lassen sich dort bereits mit einer Selbstverständlichkeit, die Sie vielleicht erschreckt, orten und identifizieren. Ihre Mitmenschen profilieren sich von sich aus. Wollen Sie gleich noch das Web anonymisieren?

Vor allem schlagen Sie dann den Jobkandidaten eine Reihe von erprobten und wirksamen Vermarktungsmitteln aus der Hand: ihren guten Namen, ihr offenes und freundliches Gesicht, ihre Jugendlichkeit oder ihre Erfahrung, ihre Herkunft, ihren ganzen bisherigen Weg, ihr Anderssein, ihre Geschichte, ihre Identität.

Vielleicht machen Sie den Kampf um Gleichheit und Gerechtigkeit zu Ihrer Herzensangelegenheit. Wo befinden Sie sich?

Immer noch werden in Deutschland Menschen sporadisch gelyncht, nur weil sie über Vierzig sind.

Immer noch sind die Türken von den Schulen und Universitäten der Deutschen ausgeschlossen.

Immer noch werden Journalisten an Bars nicht bedient, nur weil sie hässlich sind.

Charles Bukowski: Ein Schriftsteller, ein Frauenheld, ein Saufkumpan?
Charles Bukowski: Ein Schriftsteller, ein Frauenheld, ein Saufkumpan?

Würden Sie diesem Mann einen Drink spendieren?

Charles Bukowski befindet sich zeitlich und geografisch irgendwo zwischen Beat-Generation und Gonzo-Journalismus, ist diesen Stilen aber nicht zuzurechnen. Er war vielmehr ein eigenwilliges Unikum, das sich weder einordnen noch kategorisieren lässt. Mit seinem „Credo der absoluten, literarisch unverstellten Wahrhaftigkeit von Empfinden und Darstellung“ muss man ihn als modernen, ironischen Naturalisten sehen. Damit ist Antiheld Henry Chinaski [alias Charles Bukowski] der „kompromißlos unangepasste, pessimistische“ Protagonist schlechthin. (Quelle: Wikipedia)

Immer noch bekommt keine Frau einen guten Job, nur weil sie KInder bekommen könnte.

Sie wittern jetzt billige Polemik. Gewiss, wir sind nicht in Alabama und wir marschieren auch nicht nach Washington. Sie halten aber die Verhältnisse hierzulande für schlimm genug. Sie wollen den Anfängen wehren. Ihr Vorschlag: alle fachlich geeigneten Bewerber sollen blind ausgewählt werden, um im persönlichen Treffen die vielleicht vorhandenen Vorurteile zu entkräften, die es möglicherweise verhindert hätten, eingeladen zu werden.

Einmal davon abgesehen, dass dieses Verfahren allen Beteiligten vermeidbare Mühe, Zeit und Geld kostet:

Sie sind ein Unmensch, weil Sie einem Jobsuchenden das verwehren, was ihn als Person konstituiert. Sie entkleiden ihn auf seine unmittelbar verwertbaren Attribute.

Sie sind zugleich ein Spalter, weil Sie verkennen, dass es den Bewerbern aufgetragen ist, aktiv um Vertrauen zu werben. Sie untergraben aber auch die Bereitschaft der Jobpartner, sich vorab ein Mindestmaß an Vertrauen zu schenken.

Jeder erfolgreiche Kandidat hat diese Botschaft vermittelt: Ich bin wie Du. Ich verstehe Dich. Du kannst mir vertrauen. Sie möchten dagegen, dass er als erstes kommuniziert: Ich bin ein No Name. Mal sehen, ob wir uns verstehen. Ich vertraue Dir nicht.

Ihre Ziele mögen löblich sein. Ich fürchte aber: Sie selber sind von Vorurteilen getrieben, haben ein Faible für Ersatzhandlungen und halten die Arbeitgeber in Deutschland für dümmer, als die Integrationspolizei erlaubt. Als Befürworter der anonymen Bewerbung sind Sie keinem Jobsuchenden, ob mit echtem oder vermeintlichem Handicap, ein echter Freund.

So erschweren Sie es Hasan und Nesrin und allen ihren Mitbewerben, sich positiv zu diskriminieren. Schande über Sie!

Über Bewerberratgeber Gerhard Winkler

Ich schreibe für zaghafte Erstbewerber, unsichere Selbstvermarkter, knallharte Karrieresüchtige und karrieremäßig Herausgeforderte. Verwertbares für ihre eigene Arbeit finden hier auch Berater, Trainer, Dozenten, Lehrer, Jugendbetreuer, Journalisten. Schon seit 1997 dient jova-nova.com, meine kostenlose und frei zugängliche Site, deutschsprachigen Bewerbern als eine erste Ressourcen- und Tippsammlung im Internet. Die Leser und Nutzer freuen sich über meine handfesten Tipps, über die Online-Arbeitsblätter, über einen Generator für Arbeitszeugnisse, über Materialien zum Herunterladen sowie über Vorlagen und Beispiele. Tipps und Texte von mir finden Sie im Web auch auf anderen Sites und Portalen wie formyourself.de, in Zeitschriften und in meinen Handouts und Büchern.

2010, Gerhard Winkler, jova-nova.com

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