Digital Disruption: Die Reihenfolge der erfassten Branchen

Dr. Holger Schmidt
Dr. Holger Schmidt

So wie WhatsApp das SMS-Geschäft der klassischen Telekommunikationsfirmen in wenigen Jahren zerstört hat, könnte es künftig noch viel mehr Branchen ergeben. Zuerst werde die “digitale Zerstörung” die Technologiebranche selbst erfassen. Danach folgen Medien/Unterhaltung, Handel, Finanzen, Telekommunikation, Bildung, Reisen, Konsumgüter/Industrie, Gesundheit, Versorger, Öl & Gas und ganz am Schluss die Pharmaindustrie, lautet das Ergebnis einer Umfrage von IMD und Cisco unter 941 Top-Managern aus aller Welt. (PDF)

Ganz vorne in der Liste stehen wenig überraschend die Branchen, in denen die Digitalisierung schon längst eingesetzt hat und in denen neue Wettbewerber die etablierten Strukturen durcheinander bringen. Dort sind vor allem die Branchen zu finden, deren Produkte weitgehend digitalisiert sind (Tech, Medien, Finanzen) oder in denen die Angreifer den Kunden zwar mit den weitgehend gleichen Produkten bedienen, dies aber spürbar schneller, billiger oder bequemer erledigen als ihre Konkurrenten aus der alten Welt. Dies ist vor allem im Handel, in der Reisebranche und der Telekommunikation sichtbar.

Überraschend aus deutscher Perspektive ist die relativ spät erwartete Disruption der Reisebranche und die vergleichsweise frühe Erfassung der Finanzbranche. Während der Umbruch in der Reisebranche schon in vollem Gang ist, kommt das Digitalgeschäft der Banken bisher kaum in Schwung, obwohl es unzählige Fintech-Startups immer wieder versuchen. Apple Pay hat erstmals für ernste Bedenken in den Banken geführt, von einem Tech-Unternehmen aus dem Geschäft gedrängt zu werden. Etwas weiter sind die Versicherungen, in denen Angreifer wie Check24 schon beachtliche Teile des Neugeschäfts zumindest in einigen Sparten auf sich vereinen.

Am Ende der Rangliste tauchen die Branchen auf, in denen die Digitalisierung erst in Ansätzen erkennbar ist. In der Gesundheitsbranche, den Versorgern, der Öl & Gas Branche und der Pharmaindustrie wird die Digitalisierung erst mit Verzögerung greifen, erwarten die befragten Experten. Allerdings sind die Ansatzpunkte schon erkennbar: In Gesundheitswesen wird die Vernetzung zwischen Arzt und Patient erhebliche Vorteile bringen, vor allem bei der Überwachung chronisch Kranker. Die Energieversorger, die meist einen notorisch schlechten Kundenkontakt und dazu noch einen miserablen Ruf haben, fürchten, dass Firmen wie Nest oder Tado den Kundenkontakt übernehmen. Sie sorgen für die gewünschten Dienstleistungen im Smart Home und machen den Versorger dahinter zum austauschbaren Lieferanten. Relativ sicher fühlt sich die Pharmabranche, da der Kundennutzen ihrer Produkte wesentlich von ihrer Forschung abhängt. Allerdings fangen auch hier Tech-Unternehmen wie Google an, mit Innovationen wie der Kontaktlinse in den Markt zu drängen.

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Interessant sind auch die Erwartungen, woher die digitalen Angreifer kommen. Branchen, in denen die Digitalisierung längst begonnen hat, können sich Startups als digitale Angreifer viel besser vorstellen als die Sektoren, denen die größten Änderungen noch bevorstehen. Mit anderen Worten: Wer noch nicht erlebt hat, wie ein Startup wie WhatsApp einen Markt in wenigen Jahren zerstören kann, kann sich ein ähnliches Szenario in seiner Branche nur schwer vorstellen. Dabei zeigen Angreifer wie Uber, dass sie mit den Milliarden aus der ersten Online-Welle durchaus in der Lage sind, auch große Branchen systematisch zu attackieren. “Am deutlichsten erwartet der Einzelhandel künftige Herausforderungen von Start-ups außerhalb der Branche”, sagte Cisco-Manager Michael Ganser. In der Finanz-Branche gehe man dagegen davon aus, dass die «Gewinner der Zukunft» eher aus den eigenen Reihen kommen werden. Auch das Ergebnis überrascht, da Startups wie Transferwise oder Kreditech das Gegenteil beweisen.

Zum Beitrag auf Netzoekonom.de.

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