IW Köln

IW-Vertrauensindex: Deutsche vertrauen einander

Während der Corona-Krise muss sich jeder auf seine Mitmenschen verlassen können. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, dass die Deutschen vor Beginn der Pandemie so viel Vertrauen hatten wie schon lange nicht mehr – sowohl in die Politik als auch in Wirtschaft und Gesellschaft.

Dominik Enste

Im europäischen Vergleich vertrauen die Deutschen mehr auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als andere Länder. Das zeigt der IW-Vertrauensindex, der sich aus verschiedenen repräsentativen Befragungen und objektiven Daten zusammensetzt. Ein Wert von 100 Punkten kennzeichnet das höchste Maß an Vertrauen, ein Wert von 0 Punkten das geringste. Demnach liegt die Bundesrepublik mit einem Wert von rund 74 Punkten auf Platz sieben, gleich hinter den skandinavischen Ländern, der Schweiz, der Niederlande und Irland. Vor allem im Norden Europas, in Dänemark (90,7) und Finnland (88,6) ist das Vertrauen der Bevölkerung sehr groß. In Griechenland hingegen (8,3) sind die Menschen eher misstrauisch.

Staatliche Umverteilung: Wer zahlt, wer empfängt

Martin Beznoska
DR. MARTIN BEZNOSKA Senior Economist für Finanz- und Steuerpolitik

Wer viel hat, kann viel geben und wer wenig hat, wird unterstützt – in Deutschland gilt das Leistungsfähigkeitsprinzip. Die dafür nötige staatliche Umverteilung funktioniert deutlich besser, als es die öffentliche Diskussion häufig vermuten lässt. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Staatliche Umverteilung ist ein wichtiger Bestandteil des deutschen Sozialsystems und geht weit über klassische Steuern hinaus. Mithilfe von Einkommen- und Mehrwertsteuern sowie Beiträgen zu Versicherungen wie der Krankenversicherung unterstützt der Staat Menschen mit geringem oder keinem Einkommen und finanziert beispielweise Pensionen und Arbeitslosengeld. Das System ist komplex, die Instrumente wirken sehr unterschiedlich: Die Mehrwertsteuer spüren ärmere Menschen viel stärker als reichere, bei der Einkommensteuer ist es umgekehrt.

Konjunktur: Deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle

Die protektionistische Handelspolitik der USA, der Brexit und der eskalierende Handelskrieg der Amerikaner mit China belasten die Konjunktur in Deutschland immer stärker. Noch aber verhindert der starke private Konsum eine Rezession. In diesem Jahr wird das reale Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich nur um 0,5 Prozent zulegen – das sind 0,9 Prozent weniger als noch im Frühjahr prognostiziert. Für 2020 rechnet das IW mit einer Wachstumsrate von 0,8 Prozent. Grund für das schwache Wachstum sind die zahlreichen Konflikte und Unsicherheiten, die die Weltwirtschaft bremsen – vom Handelsstreit zwischen den USA und China über die schwierige politische Lage im Nahen Osten bis hin zum drohenden Brexit.

Michael Hüther

Besonders hart trifft es die exportorientierte Industrie: Im gesamten Jahr 2019 dürfte ihre reale Wertschöpfung um mindestens 3 Prozent geringer ausfallen als im Vorjahr. Die deutschen Exporte werden 2019 preisbereinigt nur um 0,5 Prozent zulegen und im kommenden Jahr sogar leicht schrumpfen.

Nahezu kompensiert wird die Industrierezession durch das Dienstleistungsgewerbe und den Bausektor. Hinzu kommt der private Konsum, der in diesem Jahr preisbereinigt um 1,5 Prozent und im kommenden Jahr immerhin um gut 1 Prozent steigen wird. Allerdings hat sich das Konsumklima bereits merklich abgekühlt, die Sorgen um den Arbeitsmarkt nehmen zu: Der für das Jahr 2020 erwartete Beschäftigungszuwachs von 0,4 Prozent wäre der schwächste seit 2010. Noch bleibt die Arbeitslosenquote aber auf dem aktuellen Niveau von etwa 5 Prozent.

IW-Direktor Michael Hüther ist überzeugt, dass der private Konsum die größte Konjunkturstütze bleiben wird: „Die Konsumenten sind weiterhin positiv gestimmt –begünstigt durch die Einkommensentwicklung, die ausgabefreudige Fiskalpolitik, die günstigen Finanzierungsbedingungen und die moderate Inflation.“ Die eigentliche Sorge richte sich aber – so Hüther – darauf, „dass die Konjunkturverlangsamung sich angesichts struktureller Belastungen (Handelspolitik, Strategieunsicherheit in der digitalen Transformation Wirtschaftspolitik der Belastungen) als Einstieg in eine länger anhaltende Wachstumsschwäche erweisen könnte“.

U-3-Betreuung: Knapp 320.000 Kita-Plätze fehlen

Zwar gibt es in Deutschland heute mehr Betreuungsplätze für unter Dreijährige als vor einigen Jahren, dennoch fehlen noch immer Hunderttausende Kita-Plätze. Grund dafür ist der steigende Bedarf.Fehlten 2014 bundesweit erst 190.000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, so sind es derzeit fast 320.000 Plätze. Und dass, obwohl die zuständigen Städte und Gemeinden die Zahl der Betreuungsplätze seit 2014 um rund 155.000 auf 818.000 ausgebaut haben.

BILDUNG: Gezielte Investitionen nötig

Axel Plünnecke
Prof. Dr. Axel Plünnecke

Von Axel Plünnecke

Im internationalen Vergleich muss Deutschland bei der Bildung zulegen, zeigt der neue OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“. Um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, sind gezielte Investitionen in Bildung und Forschung nötig. Die Ausgaben dafür sollten von rund neun auf zehn Prozent des BIP erhöht werden.

Der Anteil der jungen Erwachsenen mit einem Hochschulabschluss ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, der Fortschritt stagniert aber in jüngster Vergangenheit, zeigt ein neuer OECD-Bericht. Insgesamt gelingt es Deutschland zu wenig, den Zusammenhang von Bildungsergebnissen und sozialer Herkunft zu lockern. Unterm Strich reichen die bisherigen Investitionen der Bildungspolitik nicht aus, um die Teilhabechancen junger Menschen ausreichend zu sichern. Dabei gibt es schon heute einen steigenden Bedarf an Fachkräften – insbesondere in den MINT-Berufen. Nach IW-Berechnungen fehlen aktuell rund 59.000 IT-Experten.

Viele Deutsche schätzen ihre Einkommensposition falsch ein

Wer als Single monatlich 3.440 Euro netto verdient, zählt in Deutschland zu den einkommensstärksten 10 Prozent der Gesellschaft. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

2016 betrug das bedarfsgewichtete Medianeinkommen in Deutschland 1.869 Euro pro Monat – eine Hälfte der Bevölkerung hatte netto mehr Geld zur Verfügung, die andere Hälfte weniger. Zu den einkommensreichsten zehn Prozent zählt, wer als Single mindestens 3.440 Euro netto verdient. Paare ohne Kinder und Paare, deren Kinder bereits ausgezogen sind, gehören ab einem Haushaltsnettoeinkommen von 5.160 Euro zu der Gruppe der reichsten zehn Prozent. Grundlage der Berechnungen ist das Sozio-oekonomische Panel (SOEP).

Judith Niehues

Kurzarbeit: Von einer Krise weit entfernt

Holger Schäfer
Holger Schäfer

Von Holger Schäfer

Kurzarbeit ist ein wichtiger Indikator dafür, dass es nicht mehr so rund läuft, wie Unternehmen es sich wünschen. Kurzarbeit hilft aber auch dabei, dass sich Konjunkturkrisen nur bedingt auf den Arbeitsmarkt übertragen. Die aktuelle Konjunktureintrübung ist längst nicht so dramatisch wie vor zehn Jahren.

In den kommenden Monaten wollen Unternehmen wieder verstärkt auf Kurzarbeit zurückzugreifen, meldet die jüngste Konjunkturumfrage des ifo-Instituts. Von einem außergewöhnlich starken Anstieg der Kurzarbeit ist bisher allerdings nichts zu sehen: Für Juli rechnet die Bundesagentur für Arbeit mit rund 34.000 Kurzarbeitern, die aus konjunkturellen Gründen kürzertreten müssen. Das wären zwar fast dreimal so viele wie im Vorjahresmonat. Allerdings gab es 2015 und 2016 ähnlich viele Kurzarbeiter wie derzeit, in den Jahren davor waren es sogar deutlich mehr.

Drehstuhlschnittstellen bremsen die Digitalisierung aus

eBusiness-Standards ermöglichen die reibungslose inner- und überbetriebliche Kommunikation und sind damit die Enabler der Digitalisierung. Auch wenn Standards eingesetzt werden, kann es bei nicht flächendeckenden und interoperablen Standardeinsatz zu Friktionen kommen, etwa wenn eine Drehstuhlschnittstelle vorliegt. Dies ist dann der Fall, wenn manuell Daten aus einem IT-System in ein anderes IT-System übertragen werden müssen. Eine explorative Unternehmensbefragung zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, in deutschen Unternehmen solche Drehstuhlschnittstellen vorzufinden. Aus Experteninterviews geht hervor, wie wichtig Standards sind, um diese Schnittstellenproblematik zu verringern beziehungsweise zu lösen.

Verbrauchervertrauen: Gedämpfte Stimmung

Bisher war der starke Konsum in Deutschland ein wichtiger Treiber für die Konjunktur. Die leichte Eintrübung auf dem Arbeitsmarkt überträgt sich nun allerdings auf die Kauflaune, wie der Verbrauchervertrauensindex des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt.

Die Konjunktur in Deutschland hat sich seit Jahresbeginn spürbar abgekühlt. Das zeigt auch der Verbrauchervertrauensindex, den das IW quartalsweise in Zusammenarbeit mit The Conference Board (TCB) und Nielsen veröffentlicht: Demnach erreichte der Index von April bis Juni einen Wert von 103,4 Punkten – fast ein Punkt weniger als im Vorjahr. Seit Anfang vergangenen Jahres verzeichnet der Index einen erheblichen Rückgang.

Hubertus Bardt

Schöne neue Flexibilität: Fast jeder zweite Arbeitnehmer in Deutschland würde gern weniger arbeiten

Dr. Hagen Lesch, Leiter Kompetenzfeld Tarifpolitik und Arbeitsbeziehungen

Das bringt Unternehmen allerdings zunehmend in Schwierigkeiten. Tarifvertragliche Arbeitszeitvereinbarungen müssen deshalb künftig flexibler gestaltet werden, kollektiv vorgeschriebene Rahmenregelungen sind nicht mehr zeitgemäß.

Mit einer neuen Regelung hat die IG Metall im vergangenen Jahr die Arbeitszeitplanungen der Unternehmen durcheinandergebracht: Ein Teil der Beschäftigten konnte sich zwischen mehr Geld und weniger Arbeit entscheiden. Rund 260.000 Beschäftigte wählten daraufhin mehr Freizeit, darunter besonders viele Eltern und Schichtarbeiter. Mit diesem Wunsch stehen die Mitarbeiter der Metall- und Elektroindustrie längst nicht allein da: So möchten 58 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland gerne weniger arbeiten. Besonders in der Industrie ist der Wunsch nach mehr Freizeit groß, aber auch im Handwerk, im öffentlichen Dienst und im Dienstleistungsbereich wünscht sich fast jeder Zweite, weniger zu arbeiten.