Die Kaffeefrage im Jobinterview

Gerhard Winkler, www.jova-nova.com
Gerhard Winkler, www.jova-nova.com

„Wenn man bei einem Bewerbungsgespräch wie so oft einen Kaffee angeboten bekommt, sollte man dieses Angebot annehmen? Was sagt ein ja oder nein über den Bewerber aus?“
– Nehmen Sie das Angebot gern an, wenn es schon auf dem Weg zum Besprechungsraum nach gutem Kaffee duftet, wenn dort blitzblanke Tassen gefällig aufgereiht stehen, wenn ein großer Teller mit Bahlsens Besten auf dem Tisch thront und wenn alles dafür vorbereitet ist, dass man mit Ihnen als Gast in ein gutes Gespräch kommt.


Folgen Sie dem Beispiel des Gegenübers, wenn der selbst ein Getränk nimmt oder wenn sein Assistent sich diensteifrig bereit hält, Ihnen Ihre Wünsche zu erfüllen.
Es gibt schließlich gute Gründe für Sie, nicht nein zu sagen.
In einer fordernden Gesprächsrunde von 45 bis 120 Minuten kann der Griff zum Glas oder zur Tasse Sie unter Umständen retten. Schon dadurch, dass Sie sich Zeit für einen tiefen Schluck nehmen, bevor Sie auf eine prekäre Frage antworten.
Sie sind vor allem auch ein eingeladener Besucher. Wie sehr man sich um Sie bemüht, ist ein Zeichen dafür, welchen Stellenwert das Gespräch für den Jobanbieter hat, wie das Team kooperiert und wie es insgesamt um die Firmenkultur bestellt ist. Läuft der Service reibungslos im Hintergrund? An einem langen Bewerbertag hat auch der Nachschub an Kaffee, Zucker, Milch und an süßen Verführungen zu klappen.
Nehmen Sie von Anfang bis Ende eines Gesprächs jedes Detail auf: Wie gehen die Mitarbeiter miteinander um? In welchem Ton fallen Anweisungen? Wie organisiert ist das Ganze? Die Akkulturation in eine Organisation startet damit, dass man die lokalen Sitten und Gebräuche akzeptiert. Wo wollen Sie landen? Dort, wo man gern den Diddel-Daddel-Becher hebt ? Sammeln Sie Eindrücke; ausgewertet wird nach dem Gespräch.
Später im Job werden Sie kaum besser behandelt als beim ersten Zusammenkommen. Aus unaufmerksamen Jobanbietern werden, ohne sich groß zu verwandeln, unbekümmerte Arbeitgeber. Dass man sich an dem, was man dem Geringsten unter den Arbeitswilligen nicht gönnt, womöglich selbst verschluckt, liegt außerhalb der Vorstellungswelt von Kostensenkern.
An dieser Stelle erschrickt vielleicht der mitlesende Jobanbieter und der ängstliche Jobsuchende beschließt, vorsorglich dankend abzulehnen. Schon aus Sorge um seine eigene Zittrigkeit und notorisch fehlgesteuerte Motorik. Es ist ja nicht schwer, sich vorzustellen, wie die braune Brühe über die Visitenkarte des Personalers, über den Lebenslauf läuft und jenseits der Tischkante verschwindet. Das Grauen! Man sagt sich: Nein danke.
Nicht so hastig. In den ersten Minuten des Kennenlernens wollen beide Parteien gefällig sein, sucht man den Konsens. Ein Getränk anzunehmen signalisiert auch, dass man bereit ist, sich in Ruhe zusammenzusetzen und miteinander zu verhandeln. Wird das freundliche erste Angebot abgelehnt, irritiert das den sensiblen Jobanbieter. Gehen Sie auf das Angebot ein. Lassen Sie den Kaffee, den Sie nicht mögen, doch einfach stehen.
Ritualisierte Rede- und Handlungsanlässe lösen bei Ihnen und jedem ein automatisiertes Verhalten aus. Wie Sie dankend, erschrocken, verlegen, demütig, unwirsch oder gar falsch-bescheiden reagieren, entzieht sich – wenn Sie nicht sehr auf der Hut sind – Ihrer willentlichen Steuerung. Ein aufmerksamer Gesprächspartner findet oft mehr in dem, was sie unbedacht von sich geben als in Ihren vorbereiteten schönen Reden.
Einige Situationen aus dem Bewerberleben:
– Sie landen in einer Servicewüste: Bitten Sie nach einem Glas Wasser und testen Sie, ob man das logistisch meistert.
– Nur der Gesprächspartner hat eine Dreier-Batterie an Flaschen vor sich aufgebaut: Fragen Sie am Gesprächsanfang, ob Sie bitte etwas zu trinken bekommen könnten.
– Sie trinken, um Ihre Seele zu reinigen, seit einiger Zeit ausschließlich Tee: Rechtfertigen Sie sich nicht dafür. Bitten Sie einfach um eine Tasse. Nennen Sie keine Sorte; Sie sind nicht bei Starbuck’s. Erklären Sie auf keinen Fall, dass Sie nur Roibos schätzen.
– Bionade! In drei Geschmacksrichtungen! Unterlassen Sie es, jegliche durch Fermentation gewonnene Limonade in harschen Worten als eine Zeitgeistverfehlung zu geißeln.
– Möchten Sie etwas trinken? Die Frage ist höflich, aber die Körpersprache des Geschäftsführers signalisiert: Sie möchten besser nicht. Ihre Antwort hängt von Ihrem persönlichen Mut ab und davon, ob Sie verhungern, wenn Sie den Job nicht ergattern.
– Treffpunkt ist eine Hotel-Lounge. Ihr Gesprächspartner ordert seufzend ein Bier. Eine gute Regel ist, sich beim Erstkontakt nüchtern zu geben. Sie hätten gern ein Perrier.
– Sie versuchen, die Folie von der Milchkapsel zu reißen. Ihr Löffel findet nicht in die Zuckerdose. Man hört nur Klappern, leises Klimpern. Sie sind voll auf Ihre Aufgabe konzentriert. Ihre Gesprächspartner schauen Ihnen wortlos zu. – Ist das Leben nicht ein einziges Smalltalk-Praktikum? Und wo haben Sie dann bisher gelebt?
Letzter Tipp: Sollten Sie nur Kaffee aus Fairem Handel goutieren, bitten Sie um ein Glas recyceltes Wasser.
Februar 2009, Gerhard Winkler
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Gerhard Winkler
jova-nova.com
gwinkler@jova-nova.com
0170 8138311

1 Kommentar zu „Die Kaffeefrage im Jobinterview“

  1. Man sollte schon Power in solchen Situationen zeigen, und vor allem wissen, was man will. Auch beim Kaffee.

    Wenn man schon die einfache Frage nach einem Kaffee und dessen Zutaten nicht beantworten kann, sollte man gleich zuhause bleiben.

    Wie „entscheidungsschwach“ reagiert man dann wenn man einen 2 Mio Deal machen soll :-).

    Macher statt Angsthasen sind heute gefragt, gerade in diesen etwas schwierigeren Zeiten! Anpacken statt zögern ist die Devise.

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