Bewerbungspraxis und HR: Eine Wutrede

Henrik Zaborowski
Henrik Zaborowski

Der Demografiewandel kommt, Recruiting verbleibt in Schock-Starre. Hendrik Zaborowski wandelt auf den Spuren des FDP-Wutredners Lindner, setzt sich mit der gängigen Bewerbungspraxis auseinander und spart nicht mit markigen Worten der Kritik. Wohlwollend ehrlich, wohlwollend anders.

Bewerbertipps haben Hochkonjunktur in den Medien. In den Redaktionsstuben dieser Republik wurde das Themenbündel Bewerbung, Karriere, Job als Content-Sau entdeckt, die in endlosen Iterationen durchs Digitale Medien-Dorf getrieben wird. Der Spiegel-Verlag fand die Idee so gut, dass in der Online-Version nicht nur eine neue regelmässige Kolumne („Karrierespiegel“), sondern gleich noch ein zusätzliches Hochglanz-Magazin „SPIEGEL Job“ an den Mann, pardon, an die BewerberIn gebracht wurde.

 

In diesem ganzen Recruiting-Spiel haben Bewerber die Rolle der stummen Duckmäuser eingenommen, die als Reaktion auf erbarmungswürdige Zustande rund um die Bewerberkommunikation und das Vorstellungsinterview mit dem maximal möglichen Urschrei, dem Zähneknirschen, reagieren. Doch bald kommt Hilfe, vielleicht. Die cleveren Köpfe im Personalmarketing haben beim Agenda-Setting ein neues Thema gefunden: Das Jahr der Candidate Experience wird eingeläutet.

 

Damit es nicht nur bei Anekdoten-Wissen bleibt, können Bewerber auch ihre Erfahrungen teilen und an einer empirisch-basierten Umfrage zur Bewerber-Experience teilnehmen: http://crosswater-job-guide.com/about/markt-meinung/umfragen/bewerber-feedback

 

Der französische Komiker Jacques Chambon in seinem Kabarett-Stück "Ta Geule"
Der französische Komiker Jacques Chambon in seinem Kabarett-Stück „Ta Geule“

Und Hendrik Zaborowski nimmt auf seinem Blog kein Blatt vor den Mund und redet Tacheles. Leseprobe gefällig? „Die armen Unschuldigen, die trotz Einhaltung aller (Glaskugel)klaren Tipps mit ihren Bewerbungen am Schwachsinn des Systems scheiterten. Und am Ende einsam, verlassen, verraten und mit nackten Füßen über den kalten, rauen Asphalt erbarmungsloser Doktrin angeblich einzig richtiger Bewerbungsnormen schlurfend, den letzten Rest ihres Selbstvertrauens und Gerechtigkeitsempfindens im Rinnstein der Straße der Vergessenen ausbluteten.“

 

Mehr dazu: http://www.hzaborowski.de/2015/02/04/recruiting-und-bewerbungspraxis-schluss-mit-der-show-jetzt-wird-es-ernst/

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2 Kommentare zu „Bewerbungspraxis und HR: Eine Wutrede“

  1. Nun ja, lieber Herr Zaborowski. 2015 als Jahr des Bewerbers? Kann ich nicht nachvollziehen. Vermutlich abhängig von Branche und dem massiven Hype aller möglichen Berater auf die Gen Y. Als wären ältere MA nicht relevant. Ich finde es geradezu frech, dass bei Älteren immer nur von Arbeitsplatzgestaltung und Vorsorge gesprochen wird und nicht eine neue (vermeintlich teure) SAP Ausbildung, oder interner Jobwechsel oder Auslandsaufenthalt??

    Mittlerweile, nach schon sehr langer Suche, habe ich den Eindruck dass Personaler grundsätzlich ab einem gewissen Alter Bewerber aussortieren. Beweisen kann man’s nicht, zur Not findet sich immer ein Grund.

    Die Gesellschaft spricht über Frauenquote. Ich bin dagegen für eine Altersquote bei Neueinstellungen – wie sonst soll die Volkswirtschaft stabil überleben wenn niemand mehr die Chance bekommt einen qualifizierten Job bis zum Alter 67 (oder demnächst 70?)machen zu können wenn man „im besten Alter“ seinen Job unverschuldet verliert?

    Für HR’ler ist es ein leichtes Spiel: schnell eine anonyme Absage (natürlich ohne Telefon Nummer und Name) zu versenden und alles, wirklich alles zu tun, damit man telefonisch nicht erreicht werden kann (Telefon Zentrale darf nicht durchstellen).
    Das ist die Wertschätzung die man als Bewerber erfährt. Die Firmen vergessen dabei, dass ich auch Kunde & Konsument bin. Bestimmte Firmen machen bei mir keinen Umsatz mehr & natürlich teile ich meine Erfahrungen mit anderen.
    Sollte ich wieder in eine verantwortliche Position kommen, werde ich natürlich auch nicht vergessen, wie es mir ergangen ist.

    Ich kenne eine Gruppe von 45 -55 jährigen die einfach nicht mehr reinkommen. Ich hätte früher gesagt, „wer Arbeit will, der findet eine“. Ist aber nicht so – man bekommt schon keine Chance sich vorzustellen.

    Ich denke die heutigen 50 jährigen, sind heute so fit wie früher mit 40. Wir wollen keine Almosen oder Mitleid, sondern einen anspruchsvollen Job, der angemessen entlohnt ist.

    Ich bin jedenfalls gespannt was sie zu diesem „Teilmarkt“ sagen. Freue mich schon drauf & guten Erfolg!

  2. Hallo Achim,

    ich bin ganz bei Ihnen und nehme den Markt genau so wahr wie Sie. Deswegen ja auch „Das Jahr der Kandidaten“. Wir (naja, also zumindest ich) möchten deutlich machen, dass wir so wie von Ihnen beschrieben nicht mehr mit den Menschen/Bewerbern umgehen können. Das ist unwürdig, völlig hirnrissig und entspricht auch nciht dem Gefasel vom Demografischen Wandel.
    Übrigens, es geht auch vielen Jüngeren ähnlich wie Ihnen. Schauen Sie mal auf meinem blog vorbei, z. B. unter „Gesellschaft“. Und hier schreibt eine Personalerin im fortgeschrittenen Alter.
    http://www.hzaborowski.de/2014/12/05/dass-unsere-arbeitswelt-zunehmend-verkommt-newwork-einzelschicksal-oder-trend/

    Ich wünsche uns, dass wir den Wandel hinbekommen. Offen gesagt bin ich aber selber skeptisch.

    Herzlichen Gruß,
    Henrik Zaborowski

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