Recruiting Convent IX: Im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz

August Macke: Frau auif Balkon
August Macke: Frau auf Balkon (Ausschnitt)

Von Gerhard Kenk, Crosswater Job Guide.

Es ist zwar naheliegend über Kunst und Kommerz zu sprechen, aber nur vordergründig ging es beim Recruiting Convent IX in Bonn um das Spannungsfeld zwischen Pinsel und Bleistift. Auffallend war jedoch, welch breiten Bogen die Themen und Referenten über die Agenda spannten – daraus ergab sich eine abwechslungsreiche Thematik, die von der Ethik-Philosophie bis zum Jungstar Julian Draxler von Schalke 04 reichte. Aber was hat das alles bitteschön mit Recruiting, Employer Branding oder Personalentwicklung im Jahre 2015 zu tun?

 

Jetzt einmal der Reihe nach.

Die neue Veranstaltungslokation im Kunstmuseum Bonn hat dem Recruiting Convent gut getan. Das prestigeträchtige Schloss Bensburg wurde mit der eher nüchternen, modernen und funktionalen Konferenz-Lokation eingetauscht, was Teilnehmern und Referenten wirklich gut getan hat. Im modernen Halbkreis des Auditoriums spürt man die Nähe zum Referenten und seinen Themen.

 

Recruiting Convent Bonn
Recruiting Convent Bonn

Beck wäre nicht Beck wenn er in seinen Auftaktworten neben den üblichen freundlichen Anmerkungen zu Employer Branding, Mitarbeiter Engagement oder Recruiting nicht die eine oder andere kritische Bemerkung mit feiner Ironie und bissigem Sarkasmus einfließen lässt.

 

Prof. Dr. Christoph Beck eröffnet den IX. Recruiting Convent
Prof. Dr. Christoph Beck eröffnet den IX. Recruiting Convent

Die seit einigen Jahren bestehende Zusammenarbeit mit QUEB e.V. zeigte einmal mehr, dass positive Auswirkungen auf die Themenbreite und Referenten eingebracht werden.

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Mit dem Auftakt von Peter Schoof zum Thema Employee Engagement – Von der Strategie zur nachhaltigen Umsetzung – bewegte sich der Recruiting Convent noch in bekanntem Fahrwasser.

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Das sollte sich schlagartig ändern, als Professor Dr. Alexander Filipović  von der Hochschule für Philosophie in München an das Rednerpult trat. Ethische Überlegungen zum Arbeiten im Internet, ein historischer Überblick der Ethik-Philosophie – wie passt das in den Rahmen einer Recruiting-Konferenz? Bestens.

 

Die Referenz an den wirkungsmächtigen Philosophen aus Königsberg, Immanuel Kant, wurde nur kurz gestreift. Dann setzte sich Filipović mit der Forderung auseinander, dass eine neue Tugend für das neue Netz dringend erforderlich sei. Wer die Ethik als Summe des Guten und der Gerechtigkeit postuliert, muss akzeptieren, dass Menschen als Autoren die modischen Werte vertreten müssen.

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Im Netz geht es um das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Daten, gemeinsame Freiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Informationsfreiheit.

  • Das Internet ist zu einem Ort des Kampfes um die Freiheit geworden und man muss sich damit auseinandersetzen, dass darin auch die Infrastrukturen der Überwachung fest verankert sind.
  • Wir brauchen Profis der Kommunikation, die eine Empörung nach moralisch-ethischen Werten beeinflusst.
  • Das Ende des Vergessens – ist das eine Welt ohne Vergessen?

Die Ethik im Netz erfordert neue Verhaltensregeln.

  • Diskretion
  • Mäßigung / Bewertungen zurückhaltender / Inhalte weniger teilen
  • Anerkennung des persönlichen Schutzraums

Und Filipović  brauchte nur einen Atemzug, um auf die dystopische Vision des Roman-Klassiker von George Orwells „1984“ hinzuweisen oder mit bemerkenswerter Aktualität aus David Eggers „The Circle“ zu zitieren. Im SPIEGEL-Interview vom 28.3.2015 äußert sich Eggers fast zeitgleich zum Thema Ethik und Internet:

Wir brauchen für das Digitale dringend eine Ethik, wie sie auf anderen Gebieten wie Medizin, Rechtsprechung oder Journalismus längst selbstverständlich ist. Experten wie Jaron Lanier und Ray Kurzweil sollten sich mit Nutzern und Politikern zusammensetzen und Regeln ausarbeiten, aus denen Gesetze werden können. Deutschland ist in dieser Frage weit vorn, bei Ihnen hat der Nutzer das Recht darauf, dass seine Daten wieder gelöscht werden müssen, wenn er es wünscht. Ohne ein Bill of Rights der digitalen Welt haben wir den Wilden Westen.

 

In den gleichen Zusammenhang  stellte Filipović den Roman David Eggers „The Circle“, ein zwischen Kult-Roman („Unputdownable“ – The Times) und eher nonchalanter Auseinandersetzung des persönlichen Konflikts der Protagonistin schwankenden Buch im Spannungsfeld zwischen Freiheit und allgegenwärtiger Überwachung. Was hätte Franz Kafka aus dem Thema gemacht. Kafka wird schmerzlich vermisst.

Philosophie der Ethik im Internet ist die eine Sache, die Praxis des Social Media Recruiting in China ist eine gänzlich andere. Robindro Ullah,  Head of Employer Branding and HR Communication, Voith GmbH erläuterte in seinem Vortrag über Personalmarketing und Recruiting in China, was im Reich der Mitte alles anders funktioniert.

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Einerseits spielt die kulturelle Tradition der Beziehungen (Guanxi oder 關係 / 关系) vielleicht die wichtigste Rolle bei den Alltagsentscheidungen, andererseits gibt es in der Social Media Welt in China andere Regeln und Handlungsweisen, die sich von unseren westlichen Vorstellungen über Facebook, Twitter, LinkedIn oder Xing unterscheidet. Unter anderem gibt es Posting Limits bei den chinesischen Social Media Portalen, ebenso wird an Stelle einer E-Mail-Adresse die mobile Telefon-Nummer verwendet. Einige der wichtigsten Jobbörsen in China sind Zhaopin, 51Job, China-HR oder Chinajob. Google oder Facebook spiele in Mainland China keine Rolle, denn sie werden blockiert und können nicht im Internet aufgerufen werden. Als Suchmaschine steht Baidu zur Verfügung, das setzt aber Sprachkenntnisse in Mandarin voraus. Voith nutzt für das Recruiting in China für Jobs in China verstärkt das soziale Netzwerk WeChat ein, das etwa 500 Millionen Nutzer in China hat. Zur Reichweitenverstärkung hat Voith mit Hilfe spezialisierter Agenturen eine neue Art von Emoticons geschaffen, die von Chinesen gerne heruntergeladen und verteilt werden.

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xiaofu – der Studenten Sticker von Voith auf WeChat

Ullah bezeichnete diese geniale Nutzung als „kleines Glück“ oder „Xiao Fu“ – wobei bei näherem Hinsehen Google.de bei der Bildersuche nach Xiao Fu etwas anderes im Auge hat.

Trefferliste der Google Bildersuche nach "Xiao Fu" (kleines Glück)
Trefferliste der Google Bildersuche nach „Xiao Fu“ (kleines Glück)

 

Aus den Stiefeln der Bewerber denken – diese Empfehlung für ein erfolgreiches Candidate Experience erläuterten Michaele Trelle und Judith Oldekop von Swisscom. Geschickt erläuterten die beiden HR-Fachfrauen in einem abwechslungsreichen Dialog, worauf es der Swisscom ankommt: Man muss sich in die Mentalität und Erwartungshaltung der Bewerber hineindenken.

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Michaele Trelle (links) und Judith Oldekop (rechts) von Swisscom

 

Als Prof. Dr. Christoph Beck seinen Kollegen Prof. Dr. Wolfgang Jäger mit seinem Vortrag „Recruiting-Videos: Bewerber versus Recruiter – Life-Voting und Hintergründe über die Wahrnehmung von Recruiting- Videos“ ankündigte, war das Publikum wieder durch die Welt der empirischen Fakten (Jäger: „Messen, wiegen, zählen“) in den Bann gezogen.

JB Superstars
JB Superstars

Jäger präsentierte die neuesten  Forschungsergebnisse zum Thema Stellenanzeigen und erläuterte anhand zweier konkreter Beispiele, wie BASF und das Karriereportal Jobware die Einbindung von Bewerber-Videos umsetzten. Konkrete Messungen der Click-Raten auf Stellenanzeigen mit bzw. ohne Video ermöglichen Rückschlüsse auf die Wirkungsweise solcher A/B-Tests auf Bewerber.

 

Jägers Fazit: „Je erklärungsbedürftiger ein Job ist, desto mehr lohnt sich ein Recruitierungs-Video„.

 

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1 Kommentar zu „Recruiting Convent IX: Im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz“

  1. Lieber Gerhard,
    Ein etwas später und kurzer Kommentar zum Beitrag. Zum Glück interessiert in China nicht,
    was Google zu XiaoFu denkt ;).
    Warum ist Crosswater eigentlich nicht mobil optimiert?

    Viele Grüsse
    Robindro

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