Zaghafte Zuversicht – IW-Verbandsumfrage für 2020

Michael Grömling

Die Lage in der deutschen Industrie ist so schlecht wie lange nicht. In Teilen der Industrie haben sich die Perspektiven für das Jahr 2020 jedoch nicht weiter verdüstert, sondern sogar etwas aufgehellt. Dies spricht gegen das Abrutschen in eine gesamtwirtschaftliche Rezession. Die Investitions- und Beschäftigungsperspektiven bleiben aber deutlich verhalten und signalisieren allenfalls eine Stabilisierung auf dem Vorjahresniveau.

Schlechte Lage zum Jahreswechsel

Die deutsche Volkswirtschaft tritt seit dem Frühjahr 2019 auf der Stelle. Bislang konnten die boomende Bauwirtschaft und der in Teilen expansive Dienstleistungssektor einen ernsthaften gesamtwirtschaftlichen Rückgang verhindern. Die Industrie befindet sich dagegen seit Mitte des letzten Jahres in einer breit angelegten Rezession. Auch die unternehmensnahen Dienstleister erlitten im zweiten und dritten Quartal 2019 Geschäftseinbußen.


Ein Ende des industriellen Rückgangs ist im vierten Quartal 2019 nicht zu erwarten. Das geht auch aus der Lagebewertung der im Rahmen der Verbandsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft befragten Unternehmensvereinigungen hervor. 32 der 48 teilnehmenden Verbände gaben an, dass die wirtschaftliche Situation in den von ihnen vertretenen Firmen zur Jahreswende 2019/2020 schlechter ist als vor einem Jahr.

Auch damals meldeten schon 21 Verbände eine Verschlechterung im Vorjahresvergleich. Mit wenigen Ausnahmen hat sich die aktuelle Lage in der Industrie binnen Jahresfrist deutlich eingetrübt. Die Verschlechterung betrifft besonders die großen Industrien wie die Automobil- und Elektroindustrie, den Maschinenbau und die Chemie. Deren rückläufige Geschäfte sind erstens die Folge einer zyklischen Normalisierung nach einer hoch ausgelasteten Phase.

Zweitens belasten Protektionismus und geopolitische Verunsicherungen die globalen Investitionen und dies trifft die im internationalen Investitionsgütergeschäft aktive Industrie. Drittens lösen technologische Herausforderungen wie die Digitalisierung und Dekarbonisierung sowie Veränderungen der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen – etwa durch die Energiepolitik – strukturelle
Anpassungen, aber auch Verunsicherungen unter den Firmen und Verbrauchern aus.

15 Verbände bewerten die aktuelle Geschäftssituation ihrer Mitglieder als unverändert gegenüber dem Vorjahr.
Im Industriesektor sind das die Sparten Schiffbau/Meerestechnik, die Feinmechanik/Optik, die Keramische Industrie und die Glasindustrie. Genauso wie zum Jahreswechsel 2018/2019 bewerten auch Teile der Banken- und Versicherungswirtschaft sowie der Einzelhandel, das Gastgewerbe und der Tourismus ihre aktuelle Lage.

Nur ein Verband – der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) – meldete, dass die aktuelle Lage seiner Mitglieder zum Jahreswechsel 2019/2020 besser ist als vor einem Jahr. Darin dürfte sich die anhaltend hohe Sparneigung der Deutschen in Zeiten niedriger Zinsen niederschlagen.

Aufkeimende Hoffnungen für 2020

In der IW-Verbandsumfrage dominieren mit Blick auf das Jahr 2020 die zuversichtlichen Verbände die eher pessimistischen Unternehmensvertreter: 19 der befragten 48 Verbände davon aus, dass es im kommenden Jahr zu einer etwas höheren Wirtschaftsleistung kommt. Kein Verband erwartet eine wesentlich höhere Geschäftstätigkeit im Jahr 2020. Dagegen melden nur zwölf Verbände für ihre Firmen eine etwas niedrigere Produktion. Ebenfalls geht kein Verband von einer wesentlich niedrigeren Tätigkeit im kommenden Jahr aus. Gleichwohl steht das Erwartungsbild für 2020 deutlich im Schatten der letztjährigen Perspektiven für 2019: Damals rechneten noch 28 Verbände mit steigender Produktion. Das Lager der Pessimisten war mit zehn Verbänden ähnlich besetzt
wie diesmal. Damit liefert die Verbandsumfrage ein etwas freundlicheres Bild als die Ergebnisse der IW-Konjunkturumfrage vom Herbst 2019 (Grömling, 2019).

Für das Jahr 2020 erwartet demzufolge nur ein Viertel der 2.300 befragten Unternehmen einen Produktionszuwachs. Dagegen geht fast ein Drittel von einem Rückgang bei den Geschäftsaktivitäten aus. 43 Prozent der Firmen erwarten eine Stagnation. Während sich die
Differenz aus positiven und negativen Produktionserwartungen im Herbst 2017 und im Frühjahr 2018 noch auf über 40 Prozentpunkte belief, rutschte dieser Saldo im Herbst 2019 erstmals seit der Staatsschuldenkrise im Euroraum im Herbst 2012 wieder ins Minus.
Die Bauindustrie, die Steine- und Erden-Industrie, das Handwerk sowie die Immobilienwirtschaft gehen auch in das Jahr 2020 mit Zuversicht. Das Baugewerbe geht von einer gleichbleibenden Produktion im kommenden Jahr aus. Für diese eher moderaten Erwartungen Produktions-, Investitions- und Beschäftigungserwartungen der Verbände für 2020 sprechen die begrenzten Steigerungspotenziale: unzureichende Planungskapazitäten, Baulandmangel und der schwächere Wirtschaftsbau. Weite Teile des Dienstleistungssektors, vor allem im Handel, bei den Versicherungen und teilweise auch im Bankenbereich, sind ebenfalls zuversichtlich. Das gilt auch für die Informationswirtschaft, die Zeitschriftenbranche sowie den privaten Rundfunk und die Telemedien.

In der Industrie besteht ein gemischtes Bild: In den Bereichen Luft-/Raumfahrzeuge und Schiffe/Meerestechnik sind etwas höhere Produktionstätigkeiten zu erwarten. Das gilt auch für die Stahl-, Eisen- und Nicht-Eisen-Metallindustrie. In der Automobil-, Elektro- und Chemieindustrie dürfte sich der Rückgang zumindest nicht fortsetzen. Die Branchenexperten gehen hier von einer im Vergleich zum Jahr 2019 gleichbleibenden Produktion aus. Dagegen werden im Maschinenbau und der Stahl- und Metallverarbeitung Produktionsrückgänge erwartet. Dies spiegelt die moderaten Investitionsabsichten der Unternehmen wider.

Kein Investitionsaufschwung in 2020

Nur 13 der insgesamt 48 teilnehmenden Verbände gehen im Jahr 2020 von steigenden Investitionen aus. Zum Jahreswechsel 2018/2019 waren dies noch 22 Verbände. Im Industriesektor gehören zu den Sparten mit steigenden Investitionen der Bereich Schiffbau/Meerestechnik sowie die Glas-, Druck- und Ernährungsindustrie. Letztere Branchen hängen nicht am internationalen Investitionszyklus. Das gilt jedoch für den Maschinenbau, die Metallindustrie und die Gießereien. Hier werden die eigenen Investitionen in Anbetracht der schwächeren Weltwirtschaft zurückgefahren. Zumindest auf dem Niveau des Jahres 2019 sind Investitionen in der Automobil- und Elektroindustrie beabsichtigt. Der Strukturwandel hin zu neuen Technologien und die Digitalisierung
sind hier die Treiber für Investitionen.

Steigende Investitionsausgaben werden – mit Ausnahme der im Bundesverband der deutschen Banken vertretenen Institute – im gesamten Finanzmarktsektor erwartet. Auch hier gilt es, über verstärkte Investitionen mit den technologischen Veränderungen Schritt zu
halten und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Im Dienstleistungsbereich – zumindest auf Basis der in der IW-Umfrage vertretenen Verbände – stehen in keinem Bereich niedrigere Investitionen an.

Vor dem Hintergrund der guten, wenngleich auch abgeschwächten Produktionsperspektiven im Baubereich, fallen die zurückhaltenden Investitionspläne der Bauindustrie und der Handwerker auf. Hier erwarten die befragten Verbände für 2020 eine niedrigere Investitionstätigkeit als im Jahr 2019, das gleichwohl von hohen Investitionen geprägt war. Der Kapazitätsausbau steht
dort jedenfalls im kommenden Jahr nicht im Vordergrund, sondern der überwiegende Großteil der Investitionen gilt dem Ersatzbedarf.

Weiterhin stabile Beschäftigung

Die Beschäftigung dürfte 2020 in Deutschland im Gesamturteil der Verbände mehr oder weniger stabil bleiben. In nur 14 von 48 befragten Verbänden wird davon ausgegangen, dass im Jahresdurchschnitt 2020 das Vorjahresniveau unterschritten wird. Das gilt im Dienstleistungssektor nur für die Banken, Sparkassen und Volksbanken sowie die Versicherungswirtschaft. Technischer Fortschritt und intensiver Wettbewerb lassen dort derzeit keinen Personalaufbau zu. Im Bergbau und in der Energie- und Wasserwirtschaft schlagen sich der Kapazitätsabbau infolge der Energiewende in einer rückläufigen Mitarbeiterzahl nieder. Die zurückhaltenden Produktionsperspektiven und Umstrukturierungen wirken sich auch in großen Industriezweigen wie dem Maschinen- und Automobilbau aktuell in Personalkürzungen aus. In weiten Teilen der Industrie wird davon ausgegangen, dass der Beschäftigungsstand gehalten wird.
Das setzt aber voraus, dass sich die Weltwirtschaft nicht weiter verschlechtert und die strukturellen Anpassungslasten in Teilen der Industrie nicht Überhand nehmen.

Literatur
Grömling, Michael, 2019, Breiter Konjunkturpessimismus – IW-Konjunkturumfrage Herbst 2019, IW-Kurzbericht, Nr. 78, Köln

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