Vorsicht Ballonseide! Ergebnisse der aktuellen EMPLOYER TELLING Studie: Was Stellenanzeigen mit dem Slang auf deutschen Bolzplätzen zu tun haben

Sascha Theisen
Sascha Theisen, Stammplatz-Kommunikation

Die Fußball-Kreisliga ist ein ziemlich enger Kosmos, der sich in erster Linie um sich selbst dreht. Sie ist gespickt mit Typen, die in anderen Welten des menschlichen Daseins schwer überlebensfähig wären. Ein ganz besonderer Menschenschlag sind die Trainer, die sich irgendwo im nirgendwo zwei bis drei Mal in der Woche daran versuchen Spielern, die längst aufgegeben wurden oder haben, das Fußballspielen beizubringen.

Normalerweise wäre es nicht leicht, den HR-Kosmos mit diesem Fußball-Kosmos in thematischen Einklang zu bringen. Doch bei Autoren von Stellenanzeigen und Kreisliga-Trainern kann man hier die thematische Ausnahme machen. Oder kennen Sie den Unterschied zwischen Kreisliga-Fußballtrainern und einer verblüffend großen Anzahl an Stellenanzeigen-Autoren etwa nicht?

Ballonseide!

Ja – Sie haben richtig gelesen. Wenigstens ist das eines der zahlreichen Ergebnisse der gerade veröffentlichten Studie „EMPLOYER TELLING – Edition Stellenanzeigen“ für die wir gemeinsam mit Textkernel, den Spezialisten für semantisches Recruiting, 120.000 Stellenanzeigen sprachlich analysiert haben. Eine Erkenntnis: In einer verblüffend großen Anzahl von Stellenanzeigen dominiert der gleiche Sprachstil wie auf den Bolzplätzen der Republik.

 

„Die Foxierung der Trainierung“ wird zur „Sicherstellung der Einbettung“

Der einstige Trainer eines der Autoren dieser Zeilen ließ sich seinerzeit gerne „Coach“ nennen und war eigentlich ein Mann des einfachen Wortes. Er pflegte einen sprachlichen Stil, der im Wesentlichen vom Konkreten ins Abstrakte führte. Soll heißen: Der Coach litt an einer akuten Nominalisierungssucht. Er substantivierte Verben und versah sie mittels stoischer Beharrlichkeit mit dem Suffix „-ung“ – ein charakteristisches Merkmal der Nominalisierung. Im täglichen Umgang musste man also wissen: Das Training war in seinem Sprachgebrauch „die Trainierung“, einen Sprint „die Sprintung“ und zum warm machen ließ er „die Dauerlaufung“ zur „Warmmachung“ foxieren. Für das begleitende „foxieren“ gab es keine sprachliche Erklärung. Natürlich meinte er „Die Forcierung“, sprach auf dem Platz aber immer von „der Foxierung“ oder „dem Foxieren der Trainierung“ beziehungsweise „dem Foxieren der Dauerlaufung zur Warmmachung“. Es bedarf an dieser Stelle sicher keine sonderliche Erwähnung, dass die Veralberung der Sprechung des Coaches in der Spielerkabine an der Tagesordnung war, wenn die Trainierung unter der Woche auf dem Plan stand.

 

Nominalisierer verzichten auf Zusammenhänge und sind wenig präzise

Von den Umgangsformen auf deutschen Fußballplätzen einmal abgesehen: Ein solcher Nominalstil verzichtet weitgehend auf Vollverben und bevorzugt stattdessen Nominalgruppen. In der HR-Kommunikation sprechen wir dann von der „Umsetzung“, der „Befähigung“ oder der „Eignung“. Der verstärkte Einsatz derartiger Begrifflichkeiten wirkt eher umgangssprachlich, langatmig und wenig präzise. Häufig wird er in wissenschaftlichen, behördlichen, fachlichen Texten genutzt und manifestiert deren Ruf, in erster Linie ohne einen Spannungsbogen auszukommen. Autoren solcher Sätze sparen sich erklärende Nebensätze und verzichten darauf Zusammenhänge zu vermitteln.

 

Wir haben herausgefunden: Stellenanzeigen, nach wie vor das wichtigste Recruiting-Instrument auf dem deutschen Arbeitsmarkt, wimmeln nur so vor Substantivierungen. In der modernen Arbeitgeberkommunikation ist nicht „die Sprintung“ oder „die Warmmachung“ Trumpf – hier geht es viel mehr um die „Umsetzung“, der „Befähigung“ zur „Sicherstellung“ der „Einbettung“ der „Finanzsteuerung“.

 

Im Schnitt mehr als 20 „-ungs“ pro Stellenanzeige, in der Spitze über 80

In 120.000 Stellenanzeigen entdeckten wir weit über eine Million „-ungs“. Dies ist ein Indiz für einen Sprachstil in der Mitarbeitersuche der deutschen Arbeitgeber, der den spröden Charme eines Finanzamt-Hinterzimmers versprüht oder eben den einer Halbzeitansprache in der Kreisliga C im Kreis Düren. Die einzelnen Unternehmen liefern sich einen dermaßen regen Schlagabtausch um die Tabellenspitze der Nominalisierungstabelle, der den auf dem grünen Rasen um Längen schlägt.

 

Die Deutsche Bahn und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ringen beispielsweise unerbittlich um die „-ung-Hoheit“ in deutschen Stellenanzeigen. Während es die GIZ im Schnitt auf stattliche 23,6 „-ungs“ bringt, bleibt ihr die Bahn mit 23,4 „-ungs“ dicht auf den Fersen. Interessanterweise sind es allerdings nicht nur Großkonzerne, die vielleicht schon Opfer eines nicht zu verhindernden Verwaltungseinflusses geworden sind. Ebenfalls große Verfechter der Nominalisierung sind durchaus auch Unternehmen, die man aufgrund ihres Geschäftsfelds hier eher nicht vermuten würde. So kommen beispielsweise die Wirtschaftsprüfer und Berater von PWC auf 18 „-ungs“ pro Anzeige und das Medienunternehmen Sky immerhin auf 15,2.

 

Haben wir uns gerade erst die Mittelwerte angesehen, wird es in der Spitze atemberaubend. So bringt es GlaxoSmithKline mit der Suche nach einem „Senior Finance Partner Sales“ auf unglaubliche 86 „-ungs“ in einer einzigen Stellenanzeige. Die Stadt Hamburg folgt in der Stellenbeschreibung für „eine/n Baurätin/Baurat“ mit 77 und auf Platz 3 des „-ung“- Treppchen steht das Bezirksamt Eimsbüttel mit 73 „-ungs“. All das sind Werte bei denen – keine Frage – selbst der Coach einst resignierend abgewunken hätte.

 

Ergebnis einer verfehlten Arbeitgeberkommunikation

Wer sich also das Gros der Stellenanzeigen auf Online-Jobbörsen, Karrierewebseiten oder Jobsuchmaschinen einmal näher anschaut, muss leider erkennen: Ohne Nominalisierungen geht hier gar nichts – ein Armutszeugnis für die gegenwärtige Arbeitgeberkommunikation, die nun seit zehn Jahren von unermüdlichen Lobbyisten der Employer Branding Idee zu immer neuen Kommunikationsblüten getrieben wird. Die HR-Gemeinschaft muss sich aber davon lösen über Snapchat-Nutzung von Arbeitgebern zu diskutieren.

 

Es ist an der Zeit eine gute differenzierende Kommunikation in den Kernelementen der Mitarbeitersuche sicherzustellen. Dazu gehören Stellenanzeigen zweifellos an vorderster Front. Und dabei ist es entscheidend, sich bis zu einem gewissen Grad auch von der rein mathematischen Messbarkeit solcher Instrumente zu lösen. „Eye-Tracking“ und EXCEL-basierte Analysen des Klickverhaltens nützen nicht viel, wenn Stil und Inhalt nicht stimmig sind. Es sind aber genau diese Inhalte – von weiten Teilen der Szene fälschlicherweise zum Content degradiert – die Kandidaten überzeugen. Sie ansprechend und vor allem differenzierend darzustellen, ist die entscheidende Herausforderung, wenn es darum geht, besser zu werden. Um es in den Worten des Coaches zu sagen: Die Trainierung der Schreibung könnte nicht schaden.

 

Über die Autoren:

Dr. Manfred Böcker
Dr. Manfred Böcker

Sascha Theisen und Manfred Böcker sind Initiatoren von EMPLOYER TELLING, einer Unternehmensberatung für Arbeitgeberattraktivität. Sie haben bereits im November 2015 eine Analyse der Karriere-Webseiten der DAX-30 vorgelegt, deren wesentliches Ergebnis: Deutsche Arbeitgeber verzichten in ihrer Arbeitgeberkommunikation fast vollständig auf Differenzierung. Nun haben sie gemeinsam mit Textkernel nachgelegt und 120.000 Stellenanzeigen sprachlich analysiert. Das Resultat dieser bisher größten Sprachanalyse von Stellenanzeigen im deutschsprachigen Raum bündelten sie in der Studie „EMPLOYER TELLING – Edition Stellenanzeigen“, die der interessierten Öffentlichkeit unter www.employer-telling.de kostenfrei zum Download zur Verfügung steht.

 

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