Vorsicht! Gassenhauer im Job-Interview

„Genau betrachtet, ist alles Gespräch nur Selbstgespräch.“ Christian Morgenstern brachte das Wesen eines guten Gesprächs einst auf den Punkt – sicherlich ohne die komplizierte Beziehung zwischen Kandidat und Arbeitgeber im Hinterkopf gehabt zu haben. Auf den heutigen Recruitingprozess bezogen könnte man das Zitat umformulieren und sagen: „Wer am wenigsten mit sich selbst spricht, überzeugt seinen Gegenüber am meisten.“

viasto, europäischer Marktführer für Video-Recruiting aus Berlin hat eine groß angelegte und viel beachtete Studie zum Thema Vorstellungsgespräche gemacht. Heike Radtke, Marketingleiterin bei viasto, zu den Ergebnissen der Studie.

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Heike Radtke

Frau Radtke, viasto hat eine Bewerber-Studie zu den Erfahrungen von Kandidaten im Vorstellungsgespräch gemacht. Wie kam es zu dieser Studie und wie ist das Setting?

Heike Radtke: Wir führen regelmäßig Befragungen durch, um Recruiting-Trends im digitalen Wandel zu erkennen. Als europaweiter Marktführer für Video-Recruiting haben wir natürlich unter anderem großes Interesse daran, wie kandidatenorientiert Vorstellungsgespräche sind und welchen qualitativen Einfluss die Interviews auf die Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber haben. Wir haben mehr als 1.000 Menschen nach ihren Erfahrungen im Vorstellungsgespräch befragt, die im vergangenen Jahr tatsächlich auch ein Job-Interview geführt haben. Es handelt sich also um Bewerber, die erst vor kurzem mit Arbeitgebern verhandelt haben.

 

Wie hat sich die Haltung der Kandidaten entwickelt?

Heike Radtke: Wir erleben gerade im Recruitingprozess die Begleiterscheinung des viel zitierten Kandidatenmarktes. Das heißt viele Bewerber sind sich ihrer herausgehobenen Position bewusst und agieren entsprechend selbstsicher, wenn sie sich Unternehmen vorstellen. Das zeigt auch unsere Studie. Mehr als ein Drittel der Kandidaten, die von Unternehmen bereits zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden, sagen die vakante Stelle noch während des Auswahlprozesses von sich aus ab. 13% tun dies, obwohl sie bereits eine Zusage des Arbeitgebers vorliegen haben. Mehr als jeder Fünfte entscheidet sich gegen einen Job, nachdem er oder sie die verantwortlichen Unternehmensvertreter, die an dem jeweiligen Jobinterview teilnahmen, kennengelernt hat.

Was sind die Hauptgründe für derartige Absagen?

Heike Radtke: Der Sinneswandel der Kandidaten, die grundsätzliches Interesse an der vakanten Position signalisiert haben, kann vielfältige Ursachen haben. Aber vor allem der Arbeitgeberwettbewerb spielt eine übergeordnete große Rolle. Denn fast 40 Prozent von ihnen entscheiden sich schlicht für ein besseres Angebot eines anderen Unternehmens. Bei gut der Hälfte dieser Kandidaten ist das der alte Arbeitgeber, was zeigt: Viele Bewerber testen auch ihren Marktwert, wenn sie sich nach Alternativen umschauen. Eine Bewerbung zeigt offenbar noch keine konkrete Wechselabsicht. Für 28% der Kandidaten war der Auswahlprozess zu lang oder zu unbefriedigend.

 

Was sind typische Fehler, die Arbeitgeber auch in der Personalauswahl immer noch unterlaufen?

Heike Radtke: Zahlreiche Erhebungen zur Arbeitgeberkommunikation zeigen, dass viele Unternehmen mit sehr vorhersehbaren Aussagen und Floskeln auf Mitarbeitersuche gehen. In Stellenanzeigen finden sich die immer gleichen Formulierungen und auf Karriere-Webseiten werben zahlreiche Arbeitgeber mit den immer gleichen Argumenten.

Dieser Trend bestätigt sich leider auch in den Vorstellungsgesprächen. Die Kandidaten haben es einfach mit vorhersehbaren Fragen zu tun, die sich von Arbeitgeber zu Arbeitgeber wiederholen. Ein Beispiel dazu: 82% der Kandidaten mussten in ihren Gesprächen die Frage nach der größten Stärke oder die nach der größten Schwäche beantworten. Ein Drittel der eingeladenen Bewerber sollten einen Ausblick liefern, wo sie sich in 3 Jahren sehen und immerhin noch 9% wurden aufgefordert zu erzählen, was sie über ihren letzten Vorgesetzten denken. Wenn man sich derartige Fragen vor Augen führt, scheint es nur folgerichtig, dass sich 36% der eingeladenen Kandidaten nicht umworben fühlten und mehr als die Hälfte der Bewerber das Gefühl haben, sich in einer Prüfungssituation zu befinden. Wer nur mit den Gassenhauer der Jobinterviews auf viel umworbene Kandidaten losgeht, die überdies auch in jedem Bewerbungsratgeber und in jedem Internet-Artikel zum Thema auftauchen, der wird es schwer haben, zu überzeugen.

Was würden Sie Arbeitgebern empfehlen, wenn es darum geht die richtigen Fragen zu stellen und eben einen guten Eindruck zu hinterlassen?

Heike Radtke: Zunächst einmal empfehlen wir Unternehmen, Kandidaten, die tendenziell zur jeweiligen Position passen könnten, so früh wie möglich persönlich kennenzulernen. Das funktioniert natürlich nicht mit klassischen Recruiting-Methoden und massenhafter Vor-Ort-Interviews, die auf beiden Seiten oft einen zu hohen Ressourceneinsatz bedeuten. Eine Möglichkeit die eigene Personalauswahl für die Zukunft zu rüsten, ist aus unserer Sicht natürlich der Einsatz von Video-Recruiting. Wichtig ist dabei: Ein Videointerview steht nicht in Konkurrenz zu dem persönlichen Vorstellungsgespräch. Es soll dieses nicht ersetzen, sondern es optimal ergänzen. Personaler und Fachabteilung erhalten von Anfang an einen Eindruck der Persönlichkeit, dem Cultural Fit und können zudem gleich einschätzen, ob ein Kandidat wirklich wechselbereit ist. Umgekehrt haben Kandidaten die Möglichkeit, sich direkt individuell zu präsentieren und herauszufinden, ob das ausschreibende Unternehmen ihr „Employer of Choice“ ist oder eben nicht. Kurz: Alle Beteiligten finden viel schneller heraus, ob sie zueinander passen. Und darum geht es im modernen Recruitingprozess.

Abgesehen davon, ist es für alle Formen von Vorstellungsgesprächen essenziell, dass fachlich relevante, gut strukturierte und durchaus auch herausfordernde Fragen gestellt werden. Kandidaten möchten individuell wahrgenommen werden und den Unternehmen auf Augenhöhe begegnen. Das zeigen auch die Antworten der Bewerber in unserer Studie sehr deutlich. Arbeitgeber sollten dieses Anforderungsprofil erfüllen, wenn sie eine Chance haben möchten, gute Kandidaten an sich zu binden.

viasto-Webinar zum Thema mit dem Titel “Wie heißen Sie nochmal?”

viasto bietet interessierten Arbeitgebern auf Basis der Studienergebnisse am 14. Februar diesen Jahres (15-16 Uhr) ein Webinar zum Thema an. Unter dem Titel “Wie heißen Sie nochmal?” geht es dann um alles, was ein gutes Jobinterview ausmacht. Die Teilnahme ist kostenlos – zur Anmeldung: https://pages.viasto.com/webinar-140219

 

 

 

 

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