Tech Trend Hype trifft die Arbeitswelt: Was sagt die Kristallkugel?

11/10/2019 / Interview, Pier Paolo Perrone, Arbeitsmarkt, Blockchain, Digitalisierung, Markt & Meinung, Recruiting, job.com, Daniel Schäfer, instaffo

Trend-Technologie Blockchain – wann und wie wird sie relevant im Jobbörsen-Markt?

Viele Technologiefelder wie etwa Blockchain, Big Data, Künstliche Intelligenz (KI) oder Virtuelle Realität werden mit der Arbeitswelt der Zukunft in Verbindung gebracht. Virtuelle Realität soll die Weiterbildung revolutionieren, mittels Big Data und KI soll der Mensch bei der Entscheidungsfindung unterstützt werden. Wie jedoch eine Anwendung konkret aussehen kann im Bereich der Blockchain-Technologie ist noch selten adressiert worden.

Pier Paolo Perrone

Bevor hier Überlegungen angestellt werden können, welche Verbesserungen die Blockchain-Technologie bringen kann muss zunächst geklärt werden, was die Blockchain-Technologie eigentlich ist: Die Blockchain ist ein verteiltes Datenbankmanagementsystem, sprich eine Datenbanktechnologie. Vergleicht man sie in ihrer Leistung mit bisher genutzten Datenbanktechnologien hat die Blockchain zurzeit sogar sehr schlechte Leistungswerte. Daten in die Blockchain zu schreiben dauert vergleichsweise lange und ist mit einem hohen Aufwand verbunden. Weshalb wird sie dann dennoch als bahnbrechend beschrieben?

Einige der oft als Vorteile angesehenen Eigenschaften der Blockchain Technologie sind:

  • Dezentrale Speicherung

Eine Blockchain wird nicht zentral gespeichert, sondern als verteiltes Register geführt. Alle Beteiligten speichern eine eigene Kopie und schreiben diese fort. Durch die dezentrale Speicherung werden zum Beispiel Angriffe auf die Daten erschwert.

  • Manipulationssicherheit

Durch kryptographische Verfahren wird sichergestellt, dass die Blockchain nicht nachträglich geändert werden kann. Die Kette der Blöcke ist somit unveränderbar, fälschungs- und manipulationssicher.

  • Nichtabstreitbarkeit

Durch die Nutzung digitaler Signaturen sind Informationen in der Blockchain speicherbar, die fälschungssicher nachweisen, dass Teilnehmende unabstreitbar bestimmte Daten hinterlegt haben, etwa Transaktionen angestoßen haben.

  • Transparenz/Vertraulichkeit

Die auf der Blockchain gespeicherten Daten sind von allen Beteiligten einsehbar. Sie sind deshalb aber nicht unbedingt auch für alle sinnvoll lesbar, denn Inhalte können verschlüsselt abgespeichert werden. Blockchains erlauben so eine flexible Ausgestaltung des Vertraulichkeitsgrads.

 

Wie weit bereits die Tests zur möglichen Anwendung eines Blockchain-basierten Identitätsmanagements – wenn auch nicht im Bereich HR – fortgeschritten sind zeigt dieses Projekt: Am 11. September 2019 begann die Testphase von XRide, dem ersten Blockchain-basierten E-Mobility Ecosystem. Die Bundesdruckerei hat für das Projekt von T-Labs eine Technologie für die digitale Identität beigetragen, die die dezentrale Verifikation des Ausweises und Führerscheins per App möglich macht.

 

Im Interview mit Crosswater Job Guide erläutert Pier Paolo Perrone, MBA und Certified Blockchain Expert (Frankfurt School of Finance & Management), welche Einsatzfelder für die Blockchain Technologie in der Arbeitswelt und damit für HR-Abteilungen bereits heute und in den kommenden Jahren realistisch erscheinen.

 

Im Interview: Pier Paolo Perrone, Blockchain Experte (Frankfurt School of Finance & Management)


Als Experte für die Bereiche internationale Jobsuche, Karriereplanung, Rekrutierung und Talentmanagement beschäftigen Sie sich nach eigenen Angaben seit dem Jahr 2017 mit der Blockchain-Technologie. Was hat Sie dazu veranlasst?

 

Ein Artikel von PwC Deutschland aus dem Jahr 2017 begann mit dem Satz „Die Blockchain-Technologie ist ebenso revolutionär wie die Erfindung des Internets in den 1990er Jahren und wird für tiefgreifende Veränderungen in der Finanzbranche sorgen.“ und damit war es um mich geschehen. Ich begann damit, mich eingehender mit der Technologie zu beschäftigen.

Der weltweite Jobbörsen-Markt konsolidierte sich durch Übernahmen weiter, Google stellte im Juni 2017 die Job Search Experience in den USA vor und KI-basierte Lösungen wie Vettery.com begannen, den weltweiten Markt zu erobern. Wohin mein Auge nur sah: Überall um mich herum blühten Innovationen auf, die meiner damaligen Meinung nach bereits zu diesem Zeitpunkt das Potential hatten, den „klassischen“ Jobbörsen-Markt mächtig unter Druck zu setzen.

Zu guter Letzt fiel mir zu diesem Zeitpunkt das bis heute für den Themenbereich Blockchain unerreichte Werk „Die Blockchain-Revolution: Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert“ des Blockchain-Propheten, Unternehmer und Autor Don Tapscott in die Hände. Darin fand ich ein kurzes Kapitel über die Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie in der Arbeitswelt (Kapitel 4: Die Neugestaltung des Unternehmens – im Kern und am Rande, Seiten 133 – 138 unter dem Stichwort ‚Suchkosten‘). Die Qualität des Buches ist zwar bei Buchkritikern nicht unumstritten, mir half der Überblick zum Einstieg ungemein.

Alex Tapscott und Dan Tapscott

 

 

Was werden Ihrer Meinung nach die ersten Innovationen sein, die die Blockchain-Technologie in die Arbeitswelt bringt?

Die Suche nach neuen Mitarbeitern einerseits oder – um es aus der Perspektive des Einzelnen zu sehen – die Suche nach einer neuen Tätigkeit ist mit hohen Transaktionskosten verbunden. Die Suche nach dem passenden ‚Match‘ kommt mit einem hohen zeitlichen Aufwand einher und das hängt damit zusammen, dass beide Seiten für die Entscheidungsfindung nach vertrauensbildenden Informationen suchen. Gerade für passiv Jobsuchende ist der zeitliche Suchaufwand hinderlich, da hier ja kein vordringlicher Grund für die Zeitinvestition gesehen wird.

Blockchain Technologie könnte diesen Prozess für beide Seiten durch von Grund auf verifizierte Netzwerke verändern, in denen Nutzer den Daten deshalb vertrauen können, weil die Urheberschaft und Vertrauenswürdigkeit gewährleistet wird. Nicht zuletzt deshalb sprechen einige Autoren im Zusammenhang mit der Blockchain Technologie vom „Internet der Werte“.

In diesem Zusammenhang arbeiten zurzeit neun Hochschulen aus der ganzen Welt (darunter zwei aus Deutschland) an einem Standard für „digital credentials“. Neben Studienabschlüssen sollen Weiterbildungen oder Modulbescheinigungen nach dem neuen Standard abgebildet werden können. (Quelle: Artikel auf www.heise.de aus dem Mai 2019 „Digital Credentials: Universitäten arbeiten am E-Diplom“). Da mich dieser Themenbereich sehr interessiert, war dies auch der zentrale Aspekt meiner Forschungsarbeit an der Frankfurt School of Finance & Management zum Einsatz digitaler Ausbildungszertifikate in einem dezentral organisierten Arbeitsmarkt.

Mit steigender Anzahl von Einstellungen aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland wird eine solche digitale Anwendung nach meiner Auffassung auch für Arbeitgeber in deutschsprachigen Ländern an Bedeutung gewinnen. Rein auf den deutschen Markt bezogen ist die Überprüfung der Echtheit der vorgelegten (Universitäts-)Diplome noch nicht an der Tagesordnung. Anders verhält es sich, wenn Abschlüsse aus dem Ausland vorgelegt werden von Institutionen, die hier kaum bekannt sind. Hier steigt schnell der Wunsch nach Überprüfung. Erste Lösungen, die auf die Verifizierung von Lebenslaufdaten abzielen sind etwa appii.io, Dock.io oder Zinc.

Worin sehen Sie die wichtigsten Vorteile der Blockchain-Technologie?

 

Revolutionär ist für mich hier der Ansatz von Tapscott, der in den Raum stellt, dass die Arbeitnehmer ihre Lebenslaufdaten monetarisieren könnten und gleichzeitig volle Kontrolle darüber hätten, wer ihre persönlichen Daten sieht – und wer nicht. Don Tapscott schreibt hierzu in seinem bereits erwähnten Buch:

„Die Nutzer sind motoviert, ihre Avatars mit Informationen auszustatten, weil sie ihnen und ihrer Kontrolle unterstehen, ihre Privatsphäre komplett konfigurierbar ist und sie aus ihren eigenen Daten Kapital schlagen können. Das ist etwas ganz anderes als etwa bei LinkedIn, einer zentralen Datenbank, die im Eigentum eines einflussreichen Unternehmens steht, von diesem zu Geld gemacht und nicht vollständig gesichert wird.“

Die Vorteile für Arbeitgeber liegen ebenfalls auf der Hand: Mit der Blockchain-Technologie ließe sich etwa einwandfrei nachweisen, dass Arbeitnehmer für angegebene Arbeitgeber oder für bestimmte Projekte auch wirklich gearbeitet haben oder Abschlüsse tatsächlich erworben wurden, eine aufwändige Überprüfung entfällt.

 

Innovation und Flexibilität sind begrüßenswert in einem Bereich, in dem ein solch großer Wettbewerb herrscht wie auf dem Jobbörsen-Markt. Welche zukünftigen Entwicklungen erwarten Sie im Hinblick auf eine Weiterentwicklung in einer zweiten Phase und bei der Regulierung?

 

In dieser – zweiten – Phase sehe ich dann auch eine Konsolidierung und Weiterentwicklung der zuvor beschriebenen Anwendungsbereiche: Mit steigender Anzahl von Nutzern werden dezentral organisierte Arbeitsmärkte die Transaktionskosten weiter senken. Je mehr Transaktionen auf der Basis verifizierter Daten durchgeführt werden, desto höher wird die Akzeptanz dieser neuen Form der Zusammenarbeit werden und desto natürlicher wird den Marktteilnehmern die Blockchain-Technologie vorkommen. Gesetzgeber werden mit regulierenden Maßnahmen nachsteuern.

Die Konsolidierung und Weiterentwicklung wird nach meiner Einschätzung ebenfalls effizientere Matching-Plattformen hervorbringen und durch die darunterliegende Blockchain-Technologie ein deutlich gestiegenes Vertrauensniveau in die vorgefundenen Daten und „Werte“ mit sich bringen.

Gibt es für diesen Bereich bereits heute Vorreiter, die auf ein solches System hinarbeiten und ihr Geschäftsmodell darauf ausgerichtet haben?

 

Es gibt unter den Marktteilnehmern in den USA eine Plattform, die damit wirbt auf der Basis von Blockchain-Technologie und Künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt den Mittelsmann bei der Rekrutierung herauszunehmen, https://www.job.com/. Die eingängige URL und die Tatsache, dass man sich die Blockchain-Technologie auf die Fahne geschrieben hat sind aus meiner Sicht begrüßenswert, bringen sie doch eine breite(re) Masse dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Im deutschsprachigen Raum ist für mich die Firma instaffo aus Heidelberg federführend. Mit den Geldern einer neuen Investitionsrunde möchte das Heidelberger Unternehmen mittels Blockchain-Technologie die dezentrale Verifizierung von Lebensläufen einführen. Grundlage dafür ist das von mir bereits erwähnte „digital credentials“ Projekt, das unter Federführung des Massachusetts Institute of Technology vorangetrieben wird.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, mit einem der Firmengründer von instaffo über die am 18. September von der Bundesregierung verabschiedete Blockchain-Strategie für Deutschland zu sprechen.

Daniel Schäfer, instaffo

 

„Die vorgestellten Maßnahmen sind durchaus als positiv zu bewerten, da instaffo die Nutzung der Blockchain-Technologie vorantreiben möchte. Der Ansatz, für viele Aspekte der Technologie nun die Steine aus dem Weg zu räumen ermöglicht es uns, Innovationen voranzubringen für einen effizienteren Arbeitsmarkt“, so Daniel Schäfer Chief Visionary Officer von instaffo.

Das Stichwort ‚effizienterer Arbeitsmarkt‘ machte mich neugierig und daher fragte ich Herrn Schäfer nach jeweils einem Beispiel aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmersicht, wie Blockchain-Technologie die Prozesse effizienter gestaltet. „In unserem Ansatz werden persönliche Daten nicht in einer für Unternehmen kostenpflichtigen Datenbank veröffentlicht, sondern die Daten bleiben in der Verwaltung der Nutzer. Diese können Zeitraum und Personenkreis für die Zugriffsrechte auf persönliche Daten bestimmen. Selbst wir als Betreiber haben keinen Zugriff auf die Daten, wenn der Nutzer uns diesen nicht gewährt“, so Schäfer.

Diese bei instaffo ‚Safe Share‘ genannte Funktionalität ermöglicht eine verschlüsselte Dokumentenübermittlung in der Phase des ersten Kontakts. Für Unternehmen ist es von Vorteil, dass in der Phase der Vorauswahl weniger Dateien mit personenbezogenen Daten gespeichert und nach DSGVO verwaltet werden müssen, Arbeitnehmer dürften sich über eine Lösung freuen, die ihnen mehr Kontrolle über ihre Daten gibt und die Türen für weitere, ähnlich gelagerte Anwendungen in der Zukunft gibt. Die im Zuge der Nutzung angelegten Zugangsdaten lassen sich zukünftig ja weiter nutzen, um das „digitale ich“ sicher zu verwalten.

Durch solche praktische Anwendungen ist erkennbar, dass nicht  nur Forscher wie Philipp Sandner von der Frankfurt School of Finance & Management die derzeitigen Entwicklungen begrüßen, sondern auch junge Unternehmen, die auf klare Rahmenbedingungen für ihre Innovationen angewiesen sind.(Germany on chain: National Blockchain Strategy Released). Viele behaupten sogar, mit den jetzt vorgelegten Plänen der Regierung sei Deutschland nun sogar innerhalb Europas zum Vorreiter geworden, eine sicherlich begrüßenswerte Entwicklung.

Vielen Dank, Pier Paolo Perrone, für dieses Gespräch.

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