Optionen, Bluffs und Finten: Axel Springers Übernahmepoker um StepStone kommt in die heiße Phase

Marcus Tandler, Online-Marketing-Experte und SEO-Referent
Marcus Tandler, Online-Marketing-Experte und SEO-Referent

(ghk). Marcus Tandler, dem Vernehmen nach besten Pokerspieler unter den HR-Bloggern, SEO-Guru und illustrer Gastredner beim letztjährigen Recruiting-Convent auf Schloss Bensberg, hätte wohl seine wahre Freude angesichts der Tricks, die Axel Springer im Übernahmepoker um StepStone aus der Kiste zieht.

Als Pokerspieler ist der Online-Marketing-Experte es gewohnt, blitzschnell die Wahrscheinlichkeit einer guten Karte zu berechnen, die Hand des Gegners einzuschätzen und seine Gewinnoptionen per Reality-Check zu beurteilen oder sich mit einem Bluff aus der Affäre zu ziehen. All diese Tricks der Pokerspieler sind bei den Übernahme-Verhandlungen von Axel Springer zu beobachten. Was war geschehen?

Der Axel Springer Verlag hatte sich in mehreren mittelfristig angelegten strategischen Schritten eine gute Position als Mehrheitsaktionär beim international agierenden Karriereportal StepStone aufgebaut und so seine Verlagsstrategie der Digitalisierung des Anzeigengeschäfts auf internationaler Ebene vorangetrieben. Nach Erreichen der Aktienmehrheit ist Axel Springer verpflichtet, ein verbindliches Übernahme-Angebot über die restlichen ausstehenden Aktien zu unterbreiten, diese Frist läuft um 17:30 Uhr (CET) am 23. Oktober 2009 ab, die Übernahme kommt in die heiße Phase.

Entscheidend für die Zustimmung oder Ablehnung des Übernahmeangebots durch die Aktionäre dürften die Empfehlungen des StepStone-Aufsichtsrats sowie zukünftige Einschätzungen über die weitere Entwicklung des Aktienkurses sein. Und genau hier setzt Axel Springers Poker-Strategie ein.

  • Der StepStone-Aufsichtsrat hatte das ursprüngliche Angebot in Höhe von 8,60 Norwegen-Kronen pro Aktie als zu niedrig beurteilt, weil der wahre Firmenwert wesentlich höher sei.
  • Die Katze aus dem Sack: Worum es dem StepStone-Aufsichtsrat letztlich ging, war die Ermittlung des wirklichen Firmenwerts. StepStone besteht aus zwei großen Geschäftsbereichen, dem Online-Stellenanzeigen-Geschäft (an diesem ist Axel Springer in erster Linie für seine Umsetzung der Digitalisierung des Anzeigengeschäfts interessiert) und dem HR-Software-Solutions-Geschäft, in welchem StepStone eine starke Marktposition als Anbieter von Software-Lösungen in der gesamten Bandbreite des Human Capital Managements hat. Dieser Geschäftsbereich dürfte nur mit äußerstem Wohlwollen einem der strategischen Ziele von Axel Springer zuzuordnen sein.
  • Seit der Ankündigung der Übernahme-Offerte hat StepStone seine Hausaufgaben gemacht und mit Hilfe von externen M&A-Beratern Morgan Stanley sowie ABG Sundal Collier Norge ausgerechnet, daß allein die Solutions-Software-Division einen Marktwert von mehr als 100 Millionen Euro bzw. circa 80% des aktuellen Übernahme-Angebots von Axel Springer betragen würde.
  • Der Preis der Neutralität: Als Konsequenz eines verbesserten Übernahme-Angebots in Höhe von 0,40 Norwegen Kronen pro Aktie bzw. weniger als 5% hat Axel Springer den StepStone Board of Directors zur Neutralität in Beurteilung und Empfehlung der Übernahme-Offerte verpflichtet. Ein „Maulkorb“ wäre umgangssprachlich die bessere Umschreibung, doch dieser Begriff ist im Vokabular der Merger- & Akquisition-Banker nicht vorhanden.
  • Gleichzeitig verpflichtete sich der StepStone Board of Directors, alle defensiven Maßnahmen im Zusammenhang mit der geplanten Übernahme zu beenden.
  • Das Senior Management von StepStone bestätigte ebenfalls seine Intentionen, ihre derzeitigen Führungspositionen innerhalb des StepStone- Konzerns für mindestens die nächsten drei Jahre inne zu behalten – natürlich gegen entsprechende angemessene Incentives. Die Boulevard-Zeitung mit den großen Buchstaben würde das eher als „Goldener Handschlag“ umschreiben.
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Die Zeiten des Übernahmepokers bringen hektische Arbeitstage mit sich, alle beteiligten Parteien haben sich dabei einem engen Zeitplan unterworfen:

  • CEO Colin Tenwick und CFO Ian Cole laden am Donnerstag, den 22. Oktober zur digitalen Brautschau, pardon, zur Präsentation der StepStone-Quartalsergebnisse ein.
  • Eine außerordentliche Hauptversammlung von StepStone ASA findet ab 9:00 Uhr des 23. Oktobers im Hotel Continental in Oslo statt. Auf der Agenda stehen die Wahl der neuen Mitglieder des Aufsichtsrats sowie die Wahl der Mitglieder des Nomination Committes an.
  • Kassensturz und die Auszählung der Wahlzettel (Acceptence of share offer) ist spätestens am 23. Oktober um 17:30 Uhr.

Quo Vadis?

Quo Vadis, StepStone Solutions?
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In Anbetracht der derzeitigen Situation könnten verschiedene Optionen in Erwägung gezogen werden. Als Hauptaktionär mit einer Mehrheit von 53% dürfte Axel Springer auf der außerordentlichen Hauptversammlung die personelle Besetzung des Board of Directors entscheidend zu den eigenen Gunsten beeinflussen; die Möglichkeiten des StepStone Board of Directors zum Verkauf von Firmenwerten (z.B. des Software-Solutions-Geschäfts) würde erheblich eingeschränkt werden.

Darüberhinaus hält sich Axel Springer die Option offen, unter Berücksichtigung der rechtlichen Vorschriften die Aktiennotierung von StepStone an den Börsen in Oslo und London zu beenden (De-Listing); dadurch würde für die bisherigen Aktionäre eine zukünftige börsennotierte Marktbewertung erschwert werden, die Handelsliquidität der StepStone Aktien würde stark reduziert werden.

Pokergewinner Tandler
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Es bleibt abzuwarten, wie die bisherigen StepStone-Aktionäre letztlich auf das Übernahme-Angebot reagieren. Die Nebelschwaden werden sich am Ende dieser Woche verziehen, danach beginnt  ein neues Spiel und ein neues Glück.

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