In Ruhe Code programmieren: Was Entwickler von Arbeitgebern wollen.

von Helge Weinberg

Der typische deutsche Entwickler ist männlich, Ende 20, wohnt in Berlin, liebt Katzen und ist dann mit seinem Job zufrieden, wenn er Code programmieren kann. Letzteres ist ihm so wichtig, dass er damit auch einen Teil seiner Freizeit verbringt.

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Die Entwicklerumfrage 2016 von Stack Overflow bestätigt einige der liebgewordenen Vorurteile über diese von vielen Arbeitgebern sehr gefragten Mitarbeiter. Vor allem aber gibt sie wertvolle Tipps, wie Recruiter diese erfolgreich ansprechen können. Einige dieser Tipps stellen wir hier vor. Dieser Beitrag wurde erstmals im RETHINK-Blog von StepStone Deutschland veröffentlicht (http://www.rethink-blog.de/studien/in-ruhe-code-programmieren-was-entwickler-von-arbeitgebern-wollen/).

Stack Overflow ist ein Internetforum zum Thema „Softwareentwicklung“ mit 4,7 Millionen registrierten Nutzern, die bisher rund 11,45 Millionen Fragen gestellt haben. 40 Millionen Besucher verzeichnet das Forum mit Sitz in London durchschnittlich pro Monat. Seit 2013 fragt es jährlich ab, was Entwickler in aller Welt bewegt. Welche Präferenzen haben Programmierer bei der Jobsuche, lautet eine dieser Fragen. 56.000 Entwickler aus 173 Ländern hatten im Januar 2016 darauf geantwortet, davon kamen mit 3.883 Befragten knapp sieben Prozent aus Deutschland.

 

Recruiter müssen Begeisterung schaffen

 

Die schlechte Nachricht zuerst: Nur rund 12 Prozent der deutschen Entwickler suchen aktiv einen Job. Immerhin 61 Prozent sind offen für neue Herausforderungen. Das Potenzial ist also da. Einerseits sind rund 85 Prozent der Befragten momentan eher zufrieden mit ihrer Anstellung oder neutral eingestellt. Doch nur 32 Prozent sind von ihrem Job wirklich begeistert. Unternehmen und Recruiter sind gefordert, diese Begeisterung zu schaffen.

 

Rockstar, Guru oder Ninja? Nein, Entwickler.

 

Wie sollte ein Unternehmen Entwickler in Stellenanzeigen ansprechen? Auf keinen Fall als „Rockstar“, „Ninja“ oder gar als „Guru“. Während da manches Unternehmen in Stellenanzeigen zu hyperventilieren scheint, ist die Zielgruppe ganz pragmatisch. Entwickler wollen als das angesprochen werden, was sie sich sehen: als Entwickler, als Programmierer, eventuell auch als Ingenieure. Was beschreibt ihren Jobtitel am besten? Mit Full-Stack Webentwickler (21 Prozent), Desktop-Entwickler (10 Prozent) sowie Backend- (12 Prozent) und Frontend- (fünf Prozent) Entwickler können die Unternehmen wenig falsch machen.

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Wer nach Hochschulabschlüssen fragt, verliert massiv Bewerber.

 

Eine typische Entwickler-Karriere zeichnet sich durch stetiges Lernen aus. Dieses erfolgt überwiegend außerhalb der Hochschulen. Der Anteil der Entwickler mit traditioneller Ausbildung wird immer geringer, immer mehr sind bekennende Autodidakten. Die Zahl stieg von rund 46 Prozent im vergangenen Jahr auf fast 75 Prozent in diesem Jahr.

 

Wer also bei der Beurteilung von Bewerbungsunterlagen zunächst auf den Universitätsabschluss achtet oder diesen in einer Stellenanzeige verlangt, verpasst die besten Bewerber. Etwas mehr als 42 Prozent haben eine berufliche Weiterbildung absolviert, 30 Prozent können einen Bachelor in Computer Science vorweisen und knapp 27 Prozent einen Masterabschluss.

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Wann sind Entwickler zufrieden im Job?

 

Die Antwort in aller Kürze: Programmierer programmieren gerne. Und sie wünschen sich, dass ihre Arbeiten veröffentlicht werden und Verbreitung finden. Für Entwickler hängt die Zufriedenheit im Job eng damit zusammen, mit welchen Aufgaben sie die meiste Zeit beschäftigt sind, so Stack Overflow. Fast 60 Prozent von ihnen checken mehrmals täglich Code ein, knapp acht Prozent täglich. Bei ihnen zeigt sich ganz deutlich das Ergebnis so mancher Umfrage zu den Faktoren, die Mitarbeiter am stärksten motivieren. Dieses lautet schlicht und einfach: Ungestört die eigene Arbeit machen zu können.

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Was ist bei einem neuen Job wichtig?

 

Sind Entwickler wirklich die Nerds, für die in erster Linie die technische Ausstattung wichtig ist? Nein, lautet die klare Antwort. Für deutsche Entwickler kommt bei einem neuen Job mit rund 56 Prozent der Ausgleich zwischen Berufs- und Privatleben an erster Stelle. Letzteres füllen sie dann gerne mit Arbeit. Fast 90 Prozent der Befragten sitzen auch privat vor dem Bildschirm und programmieren pro Woche mindestens eine Stunde, 28 Prozent sogar zwei bis fünf und fast 20 Prozent sogar über fünf Stunden. Wobei sie der Nachtarbeit zugeneigt sind, um auch einmal ein Klischee zu bestätigen. 58 Prozent würden mit Vorliebe eher zu sehr später oder früher Stunde Code schreiben.

 

54 Prozent nennen das Gehalt als wichtigen Faktor. Unternehmenskultur sowie nette Kollegen rangieren mit 48 und 46 Prozent ebenfalls oben auf der Wunschskala, gefolgt von dem Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten (44 Prozent). Nicht so entscheidend sind hingegen Aufstiegsmöglichkeiten (24 Prozent) oder der Wunsch, von zu Hause zu arbeiten (25 Prozent).

 

Home Office – ja oder nein?

 

Der letzte Punkt lässt Fragen offen, denn an anderer Stelle der Umfrage findet sich die Aussage, dass schon jetzt 25 Prozent der Entwickler zumindest teilweise zu Hause arbeiten würden und dieser Anteil zunehmen dürfte. Denn darauf würden diese bei der Jobsuche Wert legen, meint Stack Overflow. Fast 66 Prozent der Entwickler ist diese Möglichkeit zumindest „etwas wichtig“ bei einem neuen Job. Der Anteil der Fans von Remote-Arbeit steigt mit zunehmender Berufserfahrung deutlich, so ein Ergebnis der Umfrage.

 

Innovative Projekte (29 Prozent) und der Standort (34 Prozent) spielen zwar für rund ein Drittel der Entwickler eine Rolle, aber das Klima im Unternehmen wird deutlich höher bewertet. Unternehmen auf dem „platten Land“ dürfte das freuen, denn damit ergeben sich Argumente im Recruiting und in der Arbeitgeberkommunikation.

 

Entwickler möchten im Job Lernen und Neues schaffen

 

„Für Programmierer ist nichts spannender als immer weiter dazuzulernen“, schreibt Stack Overflow. 33 Prozent der Befragten tun dies allein aus Neugierde, fast 31 Prozent „um ein besserer Entwickler zu sein“. Nur etwas mehr als zwei Prozent haben dabei die Karriere im Blick. Wenig erstaunlich ist deshalb, dass 68 Prozent gerne im Job neue Technologien erlernen und knapp 60 Prozent etwas Neues herstellen würden. Fast 45 Prozent möchten Produktentscheidungen beeinflussen, fast 36 Prozent bestehende Applikationen verbessern. Eine Beförderung hingegen steht für nur knapp 21 Prozent im Vordergrund, unterschiedliche Projekte sind ebenfalls nicht so wichtig – und immer zur selben Zeit nach Hause zu gehen schon einmal gar nicht.

 

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Beim Bewerbungsgespräch Probe-Coden und Team kennenlernen.

 

Die große Herausforderung – neben dem Schreiben des Lebenslaufs und des Anschreibens – scheint die Prozedur der Bewerbungsgespräche zu sein. Was können Unternehmen tun, um die Candidate Experience dieser so gefragten Bewerber so positiv wie möglich zu gestalten? Sie dem Team vorstellen (56 Prozent) beispielsweise. Ihnen den Arbeitsplatz zeigen (48 Prozent) – oder auch direkt einmal Live-Code schnuppern lassen (36 Prozent). Chef oder Chefin kennenlernen, das ist hingegen nur 14 Prozent ein Anliegen.

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Fazit:

 

Entwickler haben hohe Ansprüche an die Unternehmenskultur, wie alle anderen Bewerber auch. Sie sind meist ausgesprochen motiviert und begeisterungsfähig. Anders ist es nicht zu erklären, warum sie nachts freiwillig weiterarbeiten und so großen Wert auf Weiterbildung legen. Die Tatsache, dass dieses Engagement der Neugierde und dem Willen zur persönlichen Entwicklung geschuldet ist, sollte jedes Unternehmen begeistern.

 

Sie sind zudem stark teamorientiert und hätten damit in Zeiten flacher Hierarchien das Potenzial zu Traummitarbeitern. Allerdings erwarten sie von einem Arbeitgeber schon mehr als nur die neueste Technik. Programmierer beklagen, dass es schwierig sei, überhaupt einen interessanten Job zu finden, sagt Stack Overflow. Es liegt an den Unternehmen, dies zu ändern.

 

Helge Weinberg
Helge Weinberg

Autor:

 

Helge Weinberg ist Mitglied der Redaktionen des „PR-Journals“, „DPRG Journals“ und des „Crosswater Job Guide“. Zudem schreibt er als Freelancer in diversen technischen Fachzeitschriften über Arbeitgeberkommunikation, Employer Branding und Personalmarketing.

 

 

 

 

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