Vorbilder aber keine Lösungen: Mehr Frauen fürs Informatik-Studium begeistern

Pünktlich zum Weltfrauentag ist es höchst opportun, das Klagelied der Benachteiligungen und die ungleiche Repräsentanz von Frauen in viel zu vielen Bereichen anzuprangern. Insbesondere im Bereich der Informatik ist es gang und gäbe auf diese Mangelerscheinungen hinzuweisen – bei gleichzeitigem Verzicht auf Lösungsvorschläge.

Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Studentinnen, die das Informatik-Studium  an den Nagel gehängt haben. Dabei mangelt es nicht an Vorbildern – eine Reihe von Frauen haben sich in der Männer-Domäne Informatik durchgesetzt, weltweit beachtete Neuerungen geschaffen und so ganz nebenbei ihren Mann gestanden. Doch wer kennt schon Ada Lovelace, Grace Hopper, Käty Börner? Und bei Sophie (Roger) Wilson wäre selbst Annegret Kramp-Karrenbauer der Karnevalisten-Ulk im Halse stecken geblieben. Zu Recht.

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Sophie (Roger) Wilson

Der hohen Nachfrage nach Informatik-Experten stehen eine hohe Zahl von Studienabbrechern dagegen. Dabei verzeichnete nach Aussagen des Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung der Studiengang Informatik für 43% Studienabbrecher.

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Die Gesellschaft für Informatik (GI) folgerte, dass in erster Linie eine gemeinsame Anstrengung von Gesellschaft und Politik, Wissenschaft und Wirtschaft dringend notwendig ist.

Prof. Dr.-Ing.habil. Peter Liggesmeyer

Prof. Dr.-Ing. Peter Liggesmeyer, Präsident der GI: „Vor dem Hintergrund der Herausforderungen der Digitalisierung und des jetzt schon sichtbaren IT- und Informatik-Fachkräftemangels ist diese Entwicklung besorgniserregend. Aus unserer Sicht muss Informatikunterricht ab der Grundschule im Lehrplan verankert sein, um Kinder bereits früh an die technischen Herausforderungen einer zunehmend digitalisierten Welt heranzuführen.

Nur wenn Kinder frühzeitig mit den Funktionsweisen der Informationstechnik – in spielerischer und didaktisch fundierter Form – in Berührung kommen, kann in den Jugendlichen der Wunsch reifen, ein entsprechendes Studium zu beginnen. Darauf müssen wir alle gemeinsam hinarbeiten: Gesellschaft und Politik, Wissenschaft und Wirtschaft.“

Weiter argumentiert Liggesmeyer: Ein weiterer Fakt ist besorgniserregend: Die Zahl der Studienanfängerinnen im Studienbereich Informatik ist sogar um 8,8 zurückgegangen. Peter Liggesmeyer: „Nur ein attraktiver Informatikunterricht durch gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer kann helfen, jungen Mädchen den Zugang zur Informatik schmackhaft zu machen und das Fach von altbekannten Vorurteilen zu befreien. Von einer künftigen Bundesregierung fordern wir deshalb die Anstrengungen in der Informatik-Bildung drastisch zu verstärken.

Symptomatisch für die Studienwahl der Frauen und Männer ist die Trennung in geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftliche Orientierung der Studiengänge. Lediglich BWL als Allzweckwaffe für den Start in eine kommerziell orientierte Karriere werden von beiden Geschlechtern ähnlich stark bevorzugt.

Frauen haben in der Geschichte der IT durchaus ihren Mann gestanden und zu wegweisenden Entwicklungen beigetragen und erfüllen eine Vorbildfunktion für Mädchen und Frauen, die sich für dieses Fachgebiet interessieren.

Ada Lovelace war eine britische Mathematikerin. Für einen nie fertiggestellten mechanischen Computer, die „Analytical Engine“ von Charles Babbage, veröffentlichte sie als Erste ein komplexes Programm: Es nahm wesentliche Aspekte späterer Programmiersprachen wie etwa ein Unterprogramm oder die Verzweigung vorweg. Aus diesem Grund wird sie heute nicht nur als erste Programmiererin der Welt, sondern als erster Programmierer überhaupt bezeichnet.

Ada Lovelace
Ada Lovelace

Grace Hopper war zuletzt Flottenadmiral der US-Navy und als Informatikerin entscheidend an der Entwicklung der ersten Computergeneration und der Programmier-Hochsprache COBOL beteiligt.

Grace Hopper, UNIVAC
Grace Hopper an der Konsole des UNIVAC-Rechners

Sophie (Roger) Wilson beeinflusste mit ihrer Erfindung der RISC-Computer-Chips ganze Generationen der Chip-Entwickler.

Sophie Wilson (* 1957 in Leeds als Roger Wilson) ist eine britische Informatikerin und Computer-Architektin. Sie ist bekannt für ihre Beteiligung an der Entwicklung des BBC Micro und ARM-RISC-Prozessors bei Acorn in den 1980er-Jahren. Wilson studierte ab 1975 Informatik an der Universität Cambridge. Noch als Studentin entwickelte sie 1977 eine Maschine für automatische Viehfütterung (für eine Firma in Harrogate)[1] und 1978 einen 8-Bit-Mikroprozessor (Acorn-System-1), der auf den Heimmarkt abzielte und ab 1979 von Acorn produziert wurde.

Sie arbeitete danach bei Acorn (gegründet von ihrem Lehrer in Cambridge, dem Österreicher Hermann Hauser), wo sie mit Steve Furber in weniger als einer Woche den Prototyp für den BBC-Microcomputer entwarf[2], ein in Großbritannien sehr erfolgreiches Computerprojekt im Rahmen einer Fernsehserie der BBC. Sie schrieb auch das Betriebssystem und den Basic-Interpreter des BBC-Micro. Der Rechner wurde über eine Million Mal verkauft und in vielen Schulen in Großbritannien verwendet.

Mit Furber entwarf sie danach den ARM-32-Bit-RISC-Prozessor[3] (1985), der ebenfalls ein enormer Erfolg wurde. Der Befehlssatz wurde von ihr entworfen. Er wurde nicht nur 1986 im BBC Micro als Co-Prozessor benutzt, sondern auch im Heimcomputer Archimedes von Acorn (1987) und im PDA Newton von Apple (1993). Auf dieser Architektur beruhende Mikroprozessoren finden sich heute in zahlreichen Geräten der Unterhaltungselektronik und in Mobiltelefonen.

Sie entwarf auch die Videoarchitektur (einschließlich Codecs und Erweiterung des Betriebssystems für Video) für Computer von Acorn, den Acorn Replay. In den 1990er Jahren blieb sie Beraterin für ARM Ltd., die sich von Acorn abspalteten, und arbeitete für das 1990 gegründete Eidos Interactive, einen Hersteller von Videospielen. Später arbeitete sie für Broadcom, wo sie die Chefarchitektin des Firepath Prozessors war.

Katy Börner, gebürtige Leipzigerin und in Kaiserslautern ausgebildete Informatikerin lehrt jetzt als Professorin an der University of Indiana und spezialisiert sich auf die Theorie des Semantischen Web. Exemplarisch hierfür ist Börners Mitwirken bei Last.fm.

What does the world of music look like? We present a visualization derived from a repositoryof user-generated tags attached to more than one million items within the social musicwebsite last.fm (http://www.last.fm/). The site enables users to discover new music based ontheir listening history and – crucial for our study – users can annotate music-related itemssuch as artists and songs with arbitrary tags, ranging from categories like “rock” or “jazz” toevent-related attributes (e.g. “seen live”) and affective utterances (e.g., “songs I absolutelylove”). Tags also vary in scope, from rather broad categories, like “classical”, to finer distinctions, like “britpop” or “female fronted metal”.The map offers viewers a mix of recognition, surprise, and discovery. Viewers havereported appreciation of the coherent patterns of hierarchical relationships among musicalstyles. The map is also notable for offering opportunities for discovering new musicalcategories, from the various flavors of “metal” to such niche areas as “shoegaze” or “drone”. Quelle: https://www.academia.edu/2874380/A_Semantic_Map_of_the_last._fm_Music_Folksonomy

Katy Börner, Crosswater Job Guide,
Katy Börner (University of Indiana) legte wichtige Grundlagen für die Theorie des Semantischen Web.

 

Fachkräftemangel und Experten-Schwund

Der Fachkräftemangel bei IT-Experten ist mittlerweile eine weit verbreitete Erkenntnis und wird in der Politik, in den Medien und in den Unternehmen ausführlich diskutiert – eine rasche Lösung ist nicht in Sicht.

Wenn nun Influencer, Gurus, Evangelisten oder sonstige Akteure in den Echo-Kammern des Internet das hohe Lied der
Digitaltransformation singen und durch permanente Wiederholungen der Strophen eine selbstreferentielle Realität herstellen – sollten diese Hype-Akteure auch Ross und Reiter nennen und darlegen, wie die wesentlichen Voraussetzungen der Digitalisierung, nämlich ausreichende Personalkapazitäten bei den IT-Experten, geschaffen werden können.

Die Protagonisten eines Hypes haben nur solange Hochkonjunktur, bis sie angesichts der Realitäten des Fortschritts entlarvt werden. (Gerhard Kenk)

Andernfalls sollte in der Drama-Version Shakespeares Motto aus Hamlet gelten: „Der Rest ist Schweigen“, vielleicht auch die Kabarett-Version des Komikers Jacques Chambon.

Der französische Komiker Jacques Chambon in seinem Kabarett-Stück „Ta Geule“

 

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