Startup Jimdo: Spaßkultur am Abgrund

Fridtjof Detzner
Fridtjof Detzner

Das Hamburger Startup-Unternehmen Jimdo, Newcomer im Bereich der Webseiten-Baukasten, steht nach der Ankündigung einer Entlassungswelle von 25% der Belegschaft am Abgrund. Die Betroffenen jedoch schieben keinen Frust, denn ihre Berufserfahrungen und Skills sind hochbegehrt. Recruiting macht Überstunden.

Die Arbeitskultur bei Startups gilt als Wohlfühlszone, Tischtennisplatte, Kickertisch und bunte Sitzmöbelecken setzen die optischen Akzente. Firmengründer tragen die Spaßkultur stolz wie eine Monstranz vor sich her, im Schlepptau marschieren Überstunden, schlechte Bezahlung und eine Tendenz zur tolerierten Selbstausbeutung hinterher.

Aber bei Jimdo ging es auch um die klassischen Herausforderungen der Organisationsentwicklung – zu schnelles Wachsum schafft Probleme. Dieses Gefühl beschlich auch Firmengründer Detzner und er gründete – weil er nicht mehr weiterwusste – einen Arbeitskreis. Brandeins (08/2016) widmete dem Jiomdo-Startup einen längeren Artikel, Mischa Täubner schrieb:

Start-ups haben ab einer gewissen Größe mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie klassische Unternehmen: Was Stefan Kühl für die frühe New Economy dargelegt hat, bestätigt eine neue Studie von Lead, einem Thinktank der Mercator-Stiftung, die auf Interviews mit Gründern basiert. Die lustgetriebene Eigeninitiative der Mitarbeiter und das hierarchiefreie Miteinander sind der Untersuchung zufolge Mythen. Es gehe auch in diesen Firmen schnell um eine straffe Organisation und klare Verantwortlichkeiten, so Markus Baumanns, Co-Autor und Chef der Beratung Company Companions.

Bei Jimdo ist das nicht anders. Längst wurde eine Hierarchie etabliert. Weil die Mitarbeiter gleichzeitig ein hohes Maß an Selbstbestimmung erwarten, ist das Thema Führung eine sensible Angelegenheit. Detzner, der barfüßige Gründer, weiß das. Die Firma gibt sich als Verbund feierfreudiger WG-Genossen. Dabei wird dort akribisch an einer effektiven Organisation gearbeitet. „Früher“, sagt Detzner, „richtete sich meine persönliche Leidenschaft auf das Produkt. Heute richtet sie sich auf den Bau des Unternehmens.“ Ihn treibe die Frage um, wie er Größe und Start-up-Charakter, Hierarchie und Mitsprache unter einen Hut kriege.

Wie wichtig man das Thema bei Jimdo nimmt, zeigt sich daran, dass es ein Team gibt, das sich ausschließlich mit Fragen der Organisationsentwicklung befasst. Es gibt zudem angestellte Coaches, die den noch jungen Teamleitern unter die Arme greifen und alle Mitarbeiter darin schulen, konstruktives Feedback zu geben. Auch auf Transparenz achtet man: Überall im Unternehmen gibt es Aushänge, die über den Stand der einzelnen Projekte informieren. Es gibt alle zwei Wochen eine Versammlung, bei denen die Teams berichten, woran sie arbeiten, und die Gründer Zahlen zur Geschäftsentwicklung offenlegen. Es gibt Treffen, zu denen jeder kommen kann, der seine Ideen einbringen will. Es gibt die Gepflogenheit, Entscheidungen zu begründen. Und es gibt wohldosierte Experimente mit transparenten Gehältern.

 

Nun sind alle wohlmeinenden Intitativen zu Makukultur Makulatur geworden. Henner Knabenreich, ein führender HR-Blogger, greift in seinem Blog-Artikel #jimdoquit – und Recruiter fiebern mit das Thema auf und fokussiert sich auf den nun einsetzenden Recruiter-Kampf um die Talente:

Henner Knabenreich
Henner Knabenreich

Was ist nur los mit der deutschen Startup-Szene? Erst macht die einstige Vorzeige-Gaming-Schmiede Goodgame-Studios Negativ-Schlagzeilen (die sich interessanterweise nur unwesentlich auf kununu niederschlugen), nun streicht das nächste Startup die Segel. Zumindest aber 70 von zuletzt 258 Stellen. Betroffen ist diesmal der Online-Baukasten-Spezialist Jimdo aus Hamburg. Zu schnelles Wachstum und mangelnde Fähigkeiten, dieses zu managen, scheinen offenbar das Problem bei Jimdo. Tja. Wachstum um jeden Preis eben. Und wie immer ziehen die Mitarbeiter den Kürzeren. Aber was des einen Leid ist des anderen Freud. Und so liefern sich Recruiter auf Twitter unter #jimdoquit ein heiteres Wettrennen um die Talente.

“Wir haben es versäumt eine effektive Managementstruktur einzuführen. Daher mussten wir heute leider die harte Entscheidung treffen, uns von einigen unserer Kolleginnen und Kollegen zu trennen.”

Kaum war die Neuigkeit über die Umstrukturierung verkündet, gab es auch schon die ersten Meldungen auf Twitter. (Ex-)Mitarbeiter zwitscherten drauf los. Der Hashtag (das schräge Kreuzchen) welches dann kreiert wurde, lautete auf #jimdoquit. Und die Entwicklung von #jimdoquit ist spannend zu beobachten.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel von Henner Knabenreich:

http://personalmarketing2null.de/2016/10/jimdoquit-und-recruiter-fiebern-mit/

 

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1 Kommentar zu „Startup Jimdo: Spaßkultur am Abgrund“

  1. Ich kann´s nicht glauben, schneller als ich erwartet habe, bekommt das „Non-organisation-Management“ blutige Schrammen verpasst. Es freut mich wirklich, dass ich seit 20 Jahren als einer von wenigen Beratern der guten alten Hierarchie das Worte rede und somit vielen Firmen den Quatsch der cheflosen Firma erspart habe.

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