Können Algorithmen die Abschlussnoten besser als Recruiter interpretieren?

Philipp Seegers

Philipp Seegers

Es ist was faul im Staate Academica: Notengebung an Hochschulen muss transparenter werden

Philipp Seegers zieht die feuerfesten Asbesthandschuhe an und packt beim HR Innovation Day 2017 in Leipzig ein ganz heißes Eisen an: die Interpretation der Abschlussnoten.

 

  • Können diese von Recruitern oder Algorithmen besser interpretiert werden?

 

  • Schlägt Robot-Recruiting den klassisch ausgebildeten Personaler?

 

Prof. Dr. Peter M. Wald

Prof. Dr. Peter M. Wald

Dr. Peter M. Wald, Professor für Personalmanagement an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der HTWK Leipzig hat kein Risiko gescheut, dieses Thema zu adressieren und dafür mit Philipp Seegers einen fulminanten Referenten gewonnen. Im Interview erläutert Seegers worum es in seinem Workshop „Wann ist eine Abschlussnote wirklich gut?“ geht.

Philipp Seegers ist Gründer der candidate select GmbH und Wald hat ihn im Rahmen seiner Recherche nach interessanten HR-Innovationen kennen gelernt. Mit dem Thema „Bewertung von Abschlussnoten“ habe ich mich schon oft selbst gedanklich beschäftigt und mit Kollegen diskutiert, so dass ich mich sehr freue, dass ich Philipp Seegers für den diesjährigen HR Innovation Day als Anbieter eines Workshops gewinnen konnte, erläutert Wald seine Wahl.

Das Interview

Wald: Lieber Herr Dr. Seegers, könnten Sie sich und candidate select vorstellen und Ihre Vorgehensweise erläutern? Wo sehen Sie wichtige theoretische bzw. inhaltliche Bezugspunkte?

Seegers: Lieber Herr Prof. Wald, erst einmal vielen Dank für die Einladung zum HR Innovation Day. Ich bin Bildungs- und Arbeitsmarktökonom. In meiner Promotion habe ich mich damit auseinander gesetzt, wie Entscheidungen im Studium das spätere Arbeitsleben beeinflussen. Im Rahmen dieser Forschung kam mir und Dr. Jan Bergerhoff, meinem Mitgründer, die Idee, einen statistisch validen Vergleich von Hochschulabschlüssen zu entwickeln. In Deutschland gibt es inzwischen über 30.000 verschiedene Hochschulprogramme. Wir sehen gravierende Unterschiede in den Notenstandards – und natürlich sind manche Programme auch kompetitiver als andere. Daraus ergibt sich das Problem, dass das Arbeitsmarktsignal „akademischer Abschluss“ teils ungenutzt bleibt, teils aber auch verzerrt genutzt wird. Das Vorurteil „Noten sagen nichts aus“ kommt genau daher, dass eine 1,3 manchmal schlechter ist als eine 2,3. Genau dieses Problem löst CASE (candidate select GmbH), weil unser Algorithmus den Kontext kennt, in dem eine bestimmte Note entstanden ist.

Wald: Was können die Teilnehmer/-innen Ihres Workshops erwarten?

Seegers: So einiges, hoffe ich doch. Grundlage für CASE ist eine einzigartige Datenbasis. Deshalb werden wir mit überraschenden Fakten aus der deutschen Hochschullandschaft einsteigen. Anschließend möchte ich genau erklären, wie unser CASE Score funktioniert und dabei helfen kann, bessere Vergleichbarkeit zu schaffen. Der Workshop soll dabei vor allem interaktiv sein. Fallbeispiele aus der Praxis können wir direkt vor Ort über die CASE Plattform analysieren und diskutieren. Interessierte Studierende können natürlich auch ein CASE Zertifikat erhalten!

Wald: Auf welche praktischen Erfahrungen können Sie beim Workshop zurückgreifen? Wer arbeitet mit candidate select zusammen?

Seegers: CASE ist jetzt seit gut einem Jahr am Markt. In dieser Zeit sind wir auf ein großes Interesse auf Seite der Unternehmen gestoßen. Unser erster Testkunde war Simon Kucher und Partner in Bonn. Evonik Industries nutzt CASE seit Ende letzten Jahres deutschlandweit. Darüber hinaus arbeiten wir zum Beispiel mit thyssenkrupp, Deutsche Post / DHL und A.T. Kearney zusammen. Und, auch im Mittelstand kommt CASE bereits zum Einsatz. Die Kooperation mit unseren Kunden haben wir im Rahmen von CASE Studies analysiert. Diese Ergebnisse und weitere Erfahrungen werden ebenfalls Bestandteil des Workshops sein.

 

Wald: Wie geht es perspektivisch weiter mit candidate select?

Seegers: Wir sind aktuell in der Lage, einen aussagekräftigen Vergleich zwischen deutschen Hochschulabschlüssen anzustellen. Wichtigste Weiterentwicklung in diesem Jahr wird die Internationalisierung des CASE Scorings sein. Wir sammeln bereits Datensätze aus anderen Ländern, die es uns ermöglichen werden, auch ausländische Abschlüsse mit deutschen Abschlüssen zu vergleichen. Eine erste Version werden wir noch dieses Jahr anbieten können. Langfristig gedacht gibt es viele interessante Fragen, die mit den richtigen Daten und der entsprechenden Methodik beantwortet werden können: Wie vergleiche ich Abiturnoten? Wie kann man Berufserfahrung in das CASE Scoring mit aufnehmen? Die Digitalisierung des Recruitings bietet vielseitige Möglichkeiten, die Bewerberauswahl zu optimieren. Ich bin hier aber ganz ehrlich: Auf Personaler werden wir sicherlich nicht verzichten können und wollen. Die finale Auswahl wird weiterhin ein Mensch treffen. CASE liefert Informationen, um diese Entscheidung auf eine bessere Grundlage zu stellen.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

http://leipzig-hrm-blog.blogspot.de/2017/05/wie-ist-der-wert-von-noten-oft.html

 

Die Notengebung an Hochschulen muss transparenter werden

 

Das Rumpelstilzchen-Syndrom der Prüfungsnoten:

Oh wie gut dass niemand weiß, was die Abschlussnote beweist

 

Wolfgang Marquart

Wolfgang Marquardt

Der Durchschnitt der Prüfungsnoten an deutschen Hochschulen weist je nach Studien­fach, Hochschule und Abschluss nach wie vor große Unterschiede auf. „Mit welcher Note ein Studium abgeschlossen wird, hängt in Deutschland nicht nur von der Prü­fungsleistung ab, sondern auch davon, was und wo man studiert“, erklärt der Vorsit­zende des Wissenschaftsrates, Professor Wolfgang Marquardt zum heute veröffentlich­ten Arbeitsbericht für das Prüfungsjahr 2010.

 

Dies bestätigt frühere Analysen der Geschäftsstelle des Wissenschaftsrates. Im Diplomstudiengang Biologie schnitten 2010 beispielsweise 98 Prozent, im Diplom­studiengang Psychologie 97 Prozent, in der Ersten Juristischen Staatsprüfung dagegen nur 7 Prozent der Universitätsabsolventinnen und -absol­venten mit „gut“ oder „sehr gut“ ab. In den entsprechenden Bachelorstudiengängen waren es 84 Prozent (Biologie), 95 Prozent (Psychologie) bzw. 37 Prozent (Jura). Erhebliche Unterschiede zeigen sich auch innerhalb der einzelnen Fachbereiche. So können die durchschnittlich vergebenen Abschlussnoten je nach Standort um mehr als einen ganzen Notenschritt voneinander abweichen.

Abbildung: Examensnoten Wissenschaftsrat

Generell setzt sich die Tendenz zur Vergabe besserer Noten im Vergleich zu früheren Jahren weiterhin fort. In den Bachelorprüfungen, die 2010 ein knappes Drittel der be­standenen Prüfungen ausmachten, wurde in vier von fünf Fällen die Abschlussnote sehr gut oder gut vergeben.

Mehr dazu hier: https://crosswater-job-guide.com/archives/44396

 

 

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