Nachrichten

Krisenbewältigung: Die Hilflosigkeit der Unternehmenskommunikation

Dr. Michael-A. Leuthner
Dr. Michael-A. Leuthner

Wo bleibt die Kommunikation mit der Öffentlichkeit bei identifizierten betrügerischen Aktivitäten?

Ein Gastbeitrag von Dr. Michael-A. Leuthner

Im Rahmen dieser Artikelreihe wurde im ersten Teil der menschliche Faktor beim Thema Betrug behandelt. Im zweiten Teil wurde dargestellt, wie die Betrugsarten im betrieblichen Umfeld beschrieben und klassifiziert werden können.

Darauf aufbauend erfolgte aus den Erfahrungen des Autors im dritten Teil die Präsentation einer praktikablen Vorgehensweise, wenn in einem Unternehmen gerade Betrug entdeckt wurde. Dies wurde anhand dreier verschiedener Szenarien dargestellt. Im vierten Teil  dieser Reihe wurde aufgezeigt, welche einfachen, wirkungsvollen und auch leicht zu implementierenden Möglichkeiten existieren um Betrug im betrieblichen Umfeld massiv einzudämmen oder gar zu verhindern.

Im fünften Teil wurde erläutert, wie eine Kommunikationsstrategie lauten könnte, da nur ein sehr begrenztes Interesse vorhanden ist den im Unternehmen stattgefundenen Betrug publik werden zu lassen.

Im hier vorliegenden sechsten Teil werden drei aktuelle Negativbeispiele für eine äußerst schlechte oder gar nicht vorhandene Kommunikation analysiert.

Die in letzter Zeit bekannt gewordenen Fälle von Mitarbeitern durchgeführte Tätigkeiten, die nicht am „Unternehmenszweck“ ausgerichtet waren betreffen u.a.

  • die katholische Kirche
  • die Volkswagen AG und
  • die Fifa.

Es soll explizit betont werden, dass hier soll keine moralische oder jedwede andere Bewertung durchgeführt werden soll. Es soll einzig und allein auf das Informationsbedürfnis der Mitglieder, der Kunden und der Allgemeinheit fokussiert werden.

Der Mantel des Schweigens – eine gefährliche Kommunikationsstrategie?

Es ist leicht nachvollziehbar, dass eine Organisation kein Interesse besitzt negative Nachrichten zu produzieren. Mehr noch, Mitglieder, Nutzer, Kunden und Lieferanten sollen es nicht erfahren, Anteilseigner bzw. Kreditgeber erst recht nicht. Warum? Man hat Angst ein negatives (und evtl. länger anhaltendes) Image zu produzieren, also in der Wertschätzung derjenigen, die mit der Organisation in Verbindung stehen und letztendlich für monetäre Mittel sorgen, zu verlieren.

Betrügerische bzw. nicht gesetzeskonforme Taten kommen meist, durch welche Wege auch immer, ans Licht der Öffentlichkeit. Mal früher, mal später. Ein Verschweigen und Verzögern von entsprechender begleitender Kommunikation kann für die Organisation äußerst negative Folgen haben.

Leider wird meist die klassische „Salami-Taktik“ angedeutet, oder gar noch schlimmer, wie geschehen im Falle der katholischen Kirche, gerade nur die Tatsachen zugegeben, die unter erdrückender Beweislast bereits bewiesen sind. Ansonsten wird über alles Weitere ein Mantel des Schweigens gehüllt. Dies ist nicht unter offener Kommunikation zu verstehen und hilft nicht die Glaubwürdigkeit herzustellen, dass nicht gesetzeskonforme Tätigkeiten (überhaupt) geahndet werden.

Wolfsburger Hilflosigkeit

Auch am Beispiel der Volkswagen AG wird aufgezeigt, wie schnell der Markt auf unvollständige oder unsichere Information reagiert und potentielle Kunden sich den Konkurrenten zuwenden. Dies ist bereits anhand reduzierter Absatzzahlen in den USA erkennbar. Bei der Volkswagen AG kommt noch erschwerend hinzu, dass die USA eine klare Wirtschaftspolitik betreiben und hochgradig darauf abzielen US-amerikanische Arbeitsplätze zu sichern und alles dafür tun, einen weiteren ausländischen Konkurrenten in seine Schranken zu verweisen. Es entsteht der Eindruck, dass die Kommunikation der Volkswagen AG an die Öffentlichkeit mehr an eine völlige Hilflosigkeit erinnert.

Hans Dieter Pötsch. Photo: Göran Wink 2012 (c) Scania
Hans Dieter Pötsch.
Photo: Göran Wink 2012 (c) Scania

Dies bestätigt sich auch in einem Interview mit der Zeitung ‚Die Welt‘. Es mag verwundern wenn der Aufsichtsratsvorsitzende, vormals Finanzvorstand im gleichen Unternehmen, Hans Dieter Pötsch postuliert:

Was passiert ist, werden wir konsequent aufklären, restlos und ergebnisoffen. Selbst wenn uns am Ende nicht gefallen sollte, was dabei herauskommt.[1]

Im Laufe dieses kritischen Interviews antwortet der Aufsichtsratsvorsitzende interessanterweise auf die Frage, warum er sich diesen Job als Aufsichtsratschef überhaupt angetan habe damit, dass er sich nicht um diese Funktion beworben habe. Kann man machen, muss man nicht machen.

Des Weiteren berichtet John German[2], US Co-Director des International Council on Clean Transportation, im Magazin ‘stern‘, dass ein Institut der Universität von West-Virginia mit Unterstützung der kalifornischen Umweltbehörde California Air Resources Board (Carb) den Auftrag erhalten hatte, drei VW-Fahrzeuge im Umweltbetrieb zu testen.

 

John German Foto: German/ICCT
John German Foto: German/ICCT

Ergebnis war, dass der Stickoxidausstoß der Fahrzeuge im normalen Straßenbetrieb fünf- bis 35-mal höher war als vom Hersteller angegeben gewesen sei. Wenn die Fahrzeuge jedoch wieder auf dem Prüfstand in Betrieb gestanden hätten, so seien die Werte wieder in Ordnung gewesen, hätten also wieder den von der Volkswagen AG angegebenen Werten entsprochen[3]. Im Mai 2014 habe John German die Untersuchungsergebnisse als Dokument an die US-Umweltbehörde Environmental Protection Agency (EPA) und an die Carb gesendet. VW habe eine Kopie erhalten, sich bedankt, aber nicht weiter darauf geantwortet. Heute wissen wir, dass bereits die interne Revision, die gemäß Leitlinien direkt an den Vorstand berichtet, von solchen Vorgängen Bescheid wußte. Insofern ist anzunehmen, dass der Vorstand auch bereits informiert sein gewesen muss. Der weitere Fortgang ist den Medien zu entnehmen.

Eine Kommunikation in solchen kritischen Fällen muss klar und eineindeutig sein. Dem Endnutzer wird via Presse erläutert, dass die Volkswagen AG mit einem einfachen Teil die Problematik beheben werden könne[4], gleichzeitig bildet der Konzern Rückstellungen für Umbaumaßnahmen, Strafen u.a. in Milliardenhöhe. Dies verstehen bestenfalls Juristen.

Genügend Platz in der Ahnengalerie der Betrüger
Es gibt noch genügend Platz in der Ahnengalerie der Betrüger

FIFA = Korruption

Ein ebenso interessanter Fall in Bezug auf die Kommunikation an die Öffentlichkeit ist die Fifa mit ihrem dominanten Macher Sepp Blatter:

Tatsächlich hat der Präsident des Fußball-Weltverbandes seine Ethikkommission anfangs vor allem dazu genutzt, unliebsame Konkurrenten sperren zu lassen. Als Blatter die Fäden noch in der Hand hielt, ging das, Unabhängigkeit hin oder her. Auch deshalb ist es nicht ohne Komik, dass sich dieses Gremium jetzt über seinen Schöpfer erhebt.[5]

Blatter streitet noch immer alles ab. Entweder ist er völlig verblendet oder er ist nicht mehr von dieser Welt. Dies ist ebenfalls nicht ein Beispiel für eine gelungene Kommunikation nach außen. Wenn man diesen Vorgang noch einmal kurz Revue passieren lässt, so ergeben sich folgende Highlights:

Chuck Blazer
Chuck Blazer

Eine wichtige Rolle spielt Chuck Blazer, sowohl Ex-Spitzenfunktionär der Fifa, als auch 21 Jahre lang Generalsekretär der amerikanischen Fußball-Konföderation Concacaf. Diese wiederum spielt ebenso eine zentrale Rolle im Fifa-Korruptionsskandal. Bereits im Jahre 2011 wurde Blazer laut ‚Spiegel‘ vor die Wahl gestellt entweder verhaftet zu werden oder als V-Mann für die Staatsanwaltschaft tätig zu werden. „Blazer wählte Letzteres, zahlte 1,9 Millionen Dollar zurück und wurde 2013 zum V-Mann der US-Staatsanwaltschaft, der die Fifa-Kollegen mit einem Mini-Mikrofon im Schlüsselanhänger bespitzelte“ [6].

Aufgrund des nun zugänglichen Insiderwissens hat die US-Justiz inzwischen Anklage gegen 14 Fifa-Funktionäre erhoben. Die Methode der Strafmilderung gegen Mithilfe gehört zum Standardrepertoire amerikanischer Staatsanwälte, besonders im Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Der ehemalige US-Staatsanwalt und New Yorks späterer Bürgermeister Rudolph Giuliani hat damit die Struktur aller fünf Mafia-Familien der Stadt zerschlagen.

Aufgrund größerer Erfahrungen in komplexen Korruptionsstraftaten haben nun eben die USA das Verfahren eröffnet. Wahrscheinlich wird kein Justizapparat hartnäckiger sein, auch über die eigenen Landesgrenzen hinaus. Dazu hat man auch den Foreign Corrupt Practices Act (FCPA) geschaffen. Dazu müssen die Verdächtigen keine US-Staatsbürger sein: Amerikas Fahnder können im Ausland zugreifen, sofern es auch nur eine einzige Verbindung zu den USA gibt.

Zwar biete der vorliegende Fall mehrere Berührungspunkte, jedoch nutzten die US-Behörden das sogenannte Arbeitspferd in Betrugsfällen, den sogenannten „wire fraud“[7] um die offiziellen Untersuchungen zu starten. Hierzu reichen Telefonate, Mails u. ä. aus. Man geht nach heutigem Stand davon aus, dass Fußballfunktionäre ihre Schwarzgelder über amerikanische Banken reingewaschen haben sollen.

Loretta Lynch
Loretta Lynch

US-Justizministerin Loretta Lynch hatte sich bereits als US-Staatsanwältin, für den Bezirk East New York, mit prominenten Korruptionsfällen einen Namen gemacht und beschäftigte sich bereits seit 2010 mit ihrem Team auch mit der Fifa. Man war mit dem Zugriff noch zurückhaltend und hätte lieber gewartet, bis alle Verdächtige an einem Ort versammelt wäre um sie zu fassen. Der Fifa-Kongress in Zürich sei dann die perfekte Chance gewesen. Somit wurde die Kommunikation nach außen in eigentlich nicht gewünscht Hände übergeben.

Die Aufgabe der Kommunikation wenn Fehler oder Betrug im Unternehmen festgestellt bzw. aufgedeckt werden, ist weder von der Compliance-Abteilung, noch von der Marketing-Abteilung allein wahrzunehmen. Gegebenenfalls auch nicht vom Unternehmenslenker allein. Eine klare Kommunikationsstrategie ist von Profis zu entwerfen und dann stringent durch die Organisationsverantwortlichen umzusetzen. Insofern mögen die o.g. Beispiele schon allein ob der Größe der Organisationen massiv verwundern.

Dr. Michael-A. Leuthner, CFE CIA CPA; leuthner@cpa-leuthner.com

[1] http://www.welt.de/wirtschaft/article150183331/Kernwerte-der-Marke-Volkswagen-beschaedigt.html

[2] http://www.theicct.org/john-german

[3] Höfler, Norbert: Dieser Mann löste den VW-Skandal aus, in: Stern Jg. 2015, Nr. 53, S. 50-54

[4] http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vw-abgasskandal-die-schnelle-loesung-weckt-misstrauen-kommentar-a-1064593.html

[5] http://www.sueddeutsche.de/sport/fifa-blatter-droht-ein-viel-tieferer-sturz-1.2792191

[6] http://www.spiegel.de/sport/fussball/fifa-skandal-deshalb-sind-die-us-ermittler-so-hartnaeckig-a-1036130.html

[7] https://www.washingtonpost.com/news/the-fix/wp/2015/05/27/how-the-us-can-arrest-fifa-officials-in-switzerland-explained/

 

Stay tuned!

Dr. Michael-A. Leuthner hat erfolgreich Maschinenbau und Betriebswirtschaftslehre studiert und an einem Lehrstuhl für Wirtschaftsprüfung promoviert. Des Weiteren hat er folgende Berufsexamen:

  • Certified Public Accountant (US Wirtschaftsprüfer) mit gültiger Washington license
  • Certified Fraud Examiner (Betrugsaufdeckung)
  • Certified Internal Auditor (Revisor)
  • Certified Financial Services Auditor (Revisor für Finanzinstitutionen).

Er befasst sich schwerpunktmäßig mit Restrukturierungen und Betrugsaufdeckung, bzw. –verhinderung und hat dies weltweit in einer größeren Anzahl von Fällen durchgeführt.

Kontaktaufnahme via Email:             leuthner@cpa-leuthner.com

XING LinkedIn

Artikel-Serie

Bisher sind in der Artikel-Serie erschienen:

Teil I: Faktor Mensch: Risikofaktor #1 bei Betrug

Teil II: Manager schmieren, manipulieren, betrügen: Die Betrugsarten im betrieblichen Umfeld

Teil III: Auch bei Managern kann die Devise gelten: Nicht hören, nichts sehen, nichts sagen

Teil IV: Compliance-Kultur Wegducken: Verhindern von Betrug

Teil V: Über unternehmerische Betrugsfälle wird der Mantel des Schweigens gelegt

 

Weiterführende Links

[1] https://www.xing.com/profile/MichaelA_Leuthner

[2] https://de.linkedin.com/pub/dr-michael-a-leuthner-cpa-cfe-cia-cfsa/4/37/b38

 

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert