Stirbt Twitter den langsamen Tod im Social Media Recruiting?

Mark Zuckerberg, Facebook

London (Crosswater Systems/ghk). Halten Sie bitte die Luft nicht an, wenn Sie die News-Meldungen über das Facebook-Patent für Newsfeed in Social Networks lesen.  Soeben hatte das US-Patentamt einen Antrag entschieden, wonach Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Führungskräfte dieser Social Community ein Patent auf eine Newsfeed-Technologie eingeräumt wird.  Es geht hier um automatische Benachrichtigungen innerhalb sozialer Netzwerke – eine Methode der Nachrichtenverteilung, die die Basis für viele Social Community wie Facebook, LinkedIn, XING, StudiVZ sowie für die Message-Plattform Twitter ist.

Dieses Patent könnte weitreichende Implikationen für Social Media Plattformen haben und deren Kommunikationsverfahren entsprechend beeinflussen.

Doch wie bei vielen anderen Patenten ist es auch in diesem Fall erforderlich, den genauen Wortlaut und die umfassenden bzw. einschränkenden Bedingungen zu analysieren und zu bewerten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erscheint es  wohl noch zu früh, das Ende des Hypes um Twitter im Social Media Recruiting einzuläuten.

Die Formulierung des Patentantrags ist zu schwammig, sie wird unter der Überschrift „Dynamically providing a news feed about a user of a social network“ in den Akten der US-Patentbehörde unter der Nummer 7,669,123 geführt. Und wer das einleitende Abstrakt durchliest, kommt sich wie Dr. Faust vor, den schon der Frankfurter Bub Johann Wolfgang deklamieren lies: „Da steht ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie  zuvor“. Wer auf ein Déjà-vu-Erlebnis nicht verzichten möchte, voilà:

„A method for displaying a news feed in a social network environment is described. The method includes generating news items regarding activities associated with a user of a social network environment and attaching an informational link associated with at least one of the activities, to at least one of the news items, as well as limiting access to the news items to a predetermined set of viewers and assigning an order to the news items. The method further may further include displaying the news items in the assigned order to at least one viewing user of the predetermined set of viewers and dynamically limiting the number of news items displayed.” (Quelle: US-Patentamt, Patent Nr. 76669213).

Die in dem Patentantrag angesprochenen Nachrichten-Feeds werden in Social Networks genutzt, um Mitglieder der Community mit Mitteilungen anderer Mitglieder zu unterrichten. Dazu gehören private Kommentare, Hinweise auf Links oder aktuelle Veröffentlichungen.

Oft sind es triviale Inhalte, die über Twitter mitgeteilt werden: „schatz ich liebe dich für immer und ewig…2 monate.. 28.12.09..♥..will dich nie verlieren…!!“ schreibt beispielsweise annalovesmiley3. Wesentlich wichtiger war die Twitter-Meldung eines Commuters, der die Notwasserung eines Passagierjets auf dem Hudson River in News York City beobachtete und die inzwischen zum Klassiker wurde: „There’s a plane in the Hudson. I’m on the ferry going to pick up the people. Crazy.” http://twitpic.com/135xa

Richtig teuer

Das Facebook-Patent auf Newsfeeds könnte für Google & Co teuer werden, urteilt Ralf Kaumanns im Google-Ökonomie-Blog:

„Die Erteilung dieses Patents könnte für Facebook strategisch wichtig im Wettbewerb mit anderen Social Communities werden. Man hat nun eine juristische Grundlage, gegen die beschriebene Nutzung von Newsfeeds bei anderen sozialen Netzwerken vorzugehen oder die Anwender zu Lizenzzahlungen zu zwingen. Das Patent geht sogar über die reinen Newsfeeds hinaus und nimmt für Facebook auch das Filtern von Newsfeeds, Werbung in Feeds, die Suche nach Feeds und anderes in Anspruch.“

Zukunfts-Szenarien

Etwas zurückhaltender urteilt Ben Parr in Mashable und erläutert verschiedene Szenarien, wie dieses Patent von Facebook in Zukunft behandelt werden könnte:

  1. Facebokk verklagt Firmen wie MySpace, Twitter und Google und verlangt, deren Newsfeed-Funktionen abzuschalten. Falls dies erfolgreich ist, wird Facebook einen immensen Wettbewerbsvorteil in dem hart umkämpften Markt der Social Media erreichen.
  2. Facebook verklagt einige Firmen um das genehmigte Patent zu verteidigen – denn wo kein Kläger ist auch kein Richter. Facebook könnte einige dieser Patentklagen gewinnen – einige verlieren.
  3. Facebook verklagt Firmen, aber die Gerichte stellen sich nicht auf die Seiten von Facebook, weil deren Wettbewerber Nachrichten-Feed-Technologie nutzen, die wesentlich anders sind als die von Facebook reklamierte Technologie – und diese dann keine Einschränkungen durch das Facebook-Patent unterliegen.
  4. Facebook kontrolliert das Patent, aber setzt sich nicht für eine rechtliche Durchsetzung seiner Erfindung ein.

Falls Facebook erfolgreich sein sollte, seine Patentansprüche durchzusetzen, werden andere Wettbewerber dadurch  wesentlich eingeschränkt. Es liegt jedoch auf der Hand, dass die Durchsetzung des Patents ein langer juristischer Prozess mit vielen rechtlichen und technischen Hürden werden könnte – der sich zudem negativ auf das Firmenimage auswirken könnte.

Die Geschichte der technologischen Neuerungen ist eng verbunden mit juristischen Auseinandersetzungen rund um den Patentschutz. So verklagte die Patentschutz-Holdingfirma  Technology Patents LLC über 130 namhafte Firmen, darunter so wohlklingende Namen wie Microsoft, Motorola, Yahoo, Sprint, T-Mobile, AT&T wegen Patentverletzungen beim Einsatz von internationalen SMS Nachrichten. http://www.digitaltrends.com/mobile/sms-patent-suit-targets-131-companies/

Tüftler-Standort Deutschland

Daß der Standort Deutschland auch ein Land der Tüftler ist, hatte auch der am Fraunhofer Institut in Erlangen arbeitende Karlheinz Brandauer bewiesen, als er in den 1980er Jahren eine neue Methode für die Speicherung von Audio-Dateien entwickelte, die später weltweite Geltung als MP3 erreichte. Das Speicherplatz schonende Kodier- und Aufzeichnungsverfahren macht sich Erkenntnisse der Psychoakustik zunutze, weil das menschliche Gehör nicht die ganze Bandbreite akustischer Signale wahrnehmen kann – auf diese kann bei der Aufzeichnung verzichtet werden. Kernbereiche von MP3 wurden in der Folge auch durch Patente geschützt, vor langwierigen juristischen Auseinandersetzungen hat das nicht geschützt. So hat die Fraunhofer-Gesellschaft im Zusammenschluss mit Thomson 18 MP3-Patente genehmigt bekommen – trotzdem kommt Gegenwind von den Bell Laboratories, denn bei der Entwicklung des MP3-Formats soll auf deren Verfahren zurück gegriffen worden sein.  In der Folge wurden von dem jetzigen Rechte-Inhaber Alcatel-Lucent Patentklagen gegen Dell und Microsoft erhoben und Lucent bekam einen Betrag von 1,5 Milliarden US-Dollar in der ersten Instanz zugesprochen. Allerdings wurde diese Entscheidung später von einem Bundesbezirksgericht in San Diego wieder gekippt.

Mark Zuckerberg, Facebook

Es ist offensichtlich, dass ein Patent , welches die Nachrichten-Kommunikation in Social Media tangiert, auch enorme finanzielle Auswirkungen haben könnte. Stand heute dürfte in erster Linie Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, profitieren. Er kann getrost sein charmantes Lächeln aufsetzen, wenn er sich auf den Weg zur Bank macht und den Eingang der Lizenzeinnahmen kontrolliert.

Das zugrundeliegende Kommunikation der 1:n – Nachrichtenverteilung – Ein Sender mehrere Empfänger – haben schon unsere Urahnen praktiziert. Die Buschtrommel war das Medium, wer die Signale hörte und deren Bedeutung kannte, konnte auch die Inhalte der Nachricht interpretieren. Doch damals konnte jeder, der Trommeln konnte, kommunizieren – es gab halt noch keine Patente auf solche Kommunikationstechnologien.

Technologie der Nachrichten-Verteilung 1:n Kommunikation

Eile mit Weile

Die Proponenten des Recruiting in Social Media haben ebenfalls Twitter und seine Nachrichtenverteilung entdeckt und  werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass derartige Feeds auch dafür genutzt werden können, um miteinander verbundene Mitglieder über interessante Karrierechancen und Stellenangebote zu unterrichten. Sogar Werbetexter haben den Charme des Twitter-Hypes entdeckt und texten munter drauf los – nach dem Motto „Reim Dich oder ich freß Dich“ – wie in der ganzseitigen Anzeige des Landes Niedersachsen im Spiegel Magazin zu lesen ist.

Twitter erreicht Werbetexter

Noch ist es zu früh, das Totenglöcklein von Twitter & Co zu läuten oder in einen Chorgesang des klassischen griechischen Dramas einzustimmen.  Unbestritten ist jedoch schon jetzt, daß die Technologie- und Human-Resources-Blogger wieder eine neues Thema finden werden, um den Hype um Social Media und seine hoffnungsvolle Nutzung für das Recruiting weiter am Kochen zu halten.

Angesichts der Überfrachtung des ganz alltäglichen Berufs- und Privatlebens mit Spam-Mails, Werbe-Pop-ups, SMS oder Twitter-Nachrichten sehnen sich einige Zeitgenossen nach der nächsten Erfindung, die eigentlich im Geiste des MP3-Erfinders Brandauer folgerichtig und schon lange überfällig wäre: Die Fortsetzung des Psycho-Aktustik-Konzepts zum Psycho-Messaging, wo den Nachrichten-Empfänger nur solche Informationen erreichen, die für ihn wirklich interessant und relevant sind.

Weiterführende Links

US-Patent Facebook

http://patft.uspto.gov/netacgi/nph-Parser?Sect1=PTO2&Sect2=HITOFF&p=1&u=/netahtml/PTO/search-bool.html&r=1&f=G&l=50&co1=AND&d=PTXT&s1=Facebook.ASNM.&OS=AN/Facebook&RS=AN/Facebook

Google-Ökonomie-Blog

http://www.google-oekonomie.de/facebook-patent-auf-newsfeed-konnte-fur-google-co-teuer-werden/

Mashable

http://mashable.com/2010/02/25/facebook-news-feed-patent/

Hinweise und Kommentare zur Werbekampagne „Twittert der Hahn früh auf dem Mist, die CeBit in Hannover ist“

Von TV bis Twitter: Innovationskampagne zündet Ideenfeuerwerk zur CeBIT

Twittert der Hahn früh auf dem Mist, die CEBIT in Hannover ist

prangt da auf der Anzeige, die vom Bundesland Niedersachsen wohl in Auftrag gegeben, und, wie man später per Recherche erfährt, von der Agentur Jung von Matt entwickelt wurde. Doch der Spruch ist noch nicht alles. Auf dem “a” von “auf dem Mist, …” klebt ein Batzen Scheisse mit ein wenig Heu drunter. Die Aufklärung folgt im unteren Teil der Anzeige: “Schon entdeckt? Auf in dieser Anzeige ist ein Pferdeapfel versteckt, nur als kleiner Hinweis auf unsere Produktivität. Und weil bei Innovationen genau wie bei Pferdeäpfeln gilt: Richtig gut ist es erst, wenn’s rund ist”.

Wem die Subtilität der Aussagen bislang noch nicht reicht, erhält rechts unten auf der Seite den finalen Pferdetritt: “Niedersachsen. Sie kennen unsere Pferde. Erleben Sie unsere Stärken” lautet der Slogan des Bundeslands. Tja, dazu fällt mir erstmal nichts mehr ein, außer vielleicht, den CEBIT-Besuch doch auf kommendes Jahr zu verschieben? m. Quelle: Kasse4

.

2 Kommentare zu „Stirbt Twitter den langsamen Tod im Social Media Recruiting?“

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.