Abschied ist solch bittersüßer Schmerz: Springer verkauft StepStone Solutions für 110 Mio. Euro

Dr. Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender, Axel Springer Verlag
Dr. Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender, Axel Springer Verlag

6.4.2010 (ghk). Im Rückblick offenbart sich die strategische Brillianz, mit der der Axel Springer Verlag bei der Übernahme des Karriereportals StepStone vorgegangen ist. Springer hat nun  das letzte Kapitel der Übernahme-Etappen aufgeschlagen und verkauft die StepStone-Division „Solutions“ für den stolzen Preis von 110 Millionen Euro an den Private Equity Fonds „HgCapital“.

Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muß aber vorwärts gelebt werden

Im Rahmen der Konzern-Strategie sieht sich Springer verpflichtet, die „Digitalisierung des Anzeigengeschäfts“ weiter voranzutreiben – und dazu gehört eben auch eine operativ erfolgreiche Online-Stellenbörse wie StepStone.

Mit der letzten Etappe beendet Springer eine mustergültig geplante und durchgeführte schrittweise Übernahme.

  • Im November 2004 erwirbt Axel Springer eine maximale Minderheitsbeteiligung in Höhe von 49.9% an StepStone Deutschland. Wolfgang Bruhn wird in den Vorstand von StepStone Deutschland entsandt und gewinnt strategisch wichtige Einblicke in das operative Geschäft.
  • Am 10. Dezember 2008 erwirbt Axel Springer in einer außerbörslichen Transaktion 33% der StepStone-Muttergesellschaft, der in Oslo börsennotierten StepStone ASA.
  • Am 2. September 2009 wird der Anteil an StepStone ASA von 33% auf 52% erhöht, verbunden mit einem Vorkaufsrecht bei der für den 31.12.2009 geplanten Kapitalerhöhung.

Der Mehrheitserwerb läutet die heiße Phase des Übernahmekampfes ein. Mit britischem Understatement teilt der Board of Directors von StepStone ASA mit, dass man  „vom Übernahme-Angebot Kenntnis genommen habe“. Zurückhaltender könnte es man nicht formulieren ohne die Grenzen der Diplomatie zu überschreiten.

Wenn die Seele bereit ist, sind es die Dinge auch

Colin Tenwick, CEO StepStone Group
Colin Tenwick, CEO StepStone Group

Später, als der Widerstand gegen die Springer-Übernahme verstärkt wurde, sprach StepStone von einer „unsolicited offer“, einem ungewollten Angebot.  Und der StepStone Board of Directors legt nach einer kurzen Überlegungspause nach. Wenn man schon angesichts der überwältigenden Aktienmehrheit von 52% keine entscheidende Übernahmeschlacht mehr gewinnen kann, kann man zumindest in Scharmützeln den Kaufpreis in die Höhe treiben.

Colin Tenwick, StepStone CEO, hatte daraufhin auch hingewiesen, daß die Summe des StepStone-Konzerns doch deutlich mehr wert sei als das von Axel Springer auf den Tisch gelegte Übernahmeangebot. Man könne ja eine unabhängige Investmentbank damit beauftragen, den wahren Wert des StepStone-Konzerns zu ermitteln.

Springer wäre töricht gewesen, dem Verlangen nach einer neuen, vermutlich erhöhten Bewertung nachzukommen. Statt dessen praktizierten die Unterhändler eine ausgeklügelte „Backroom“-Strategie, um zu ihrem Ziel zu kommen.

Einerseits kündigten sie an, die Börsennotierung abzuschaffen (De-Listing), weil StepStone ja jetzt im Mehrheitsbesitz von Springer war, andererseits bastelten sie für CEO Colin Tenwick und seinen Chief Financial Controller Ian Cole einen „Golden Parachute“, wie der versilberte Handschlag im angelsächsischen Trennungs-Lingo bezeichnet wird. Das Paket für Tenwick und Cole wurde geschnürt, es hatte einen Wert von GBP 1,3 Millionen.

Wer meine Ehre kränkt, sieht nie mein Geld

Und bei allem Finten und Taktieren durften die StepStone-Manager den Bogen nie überspannen – denn Axel Springer hatte eine überzeugende Mehrheit am Aktienkaptial von StepStone und saß langfristig einfach am längeren Hebel.

Axel Springer hatte  in den Übernahme-Verhandlungen damit drei wichtige Ziele erreicht:

  • Eine Neubewertung des Übernahmeangebots und damit ein höherer Gesamtkaufpreis für den StepStone-Konzern wurde vermieden
  • Die Aktionäre des StepStone-Konzerns wurden von der Annahme des Übernahmeangebots überzeugt, nicht zuletzt weil der Übernahme-Preis etwa 24% über der durchschnittlichen Börsennotierung der StepStone-Aktie lag und weil durch die neuen Mehrheitsverhältnisse Gefahr drohte, daß die Handelsliquidität der StepStone-Aktie an der Börse leidet und folglich zu fallenden Kursen führen würde
  • Der Widerstand der StepStone Directors wurde gebrochen, der „goldene Fallschirm“ könnte dabei eine Rolle gespielt haben.
Eigene Wege für StepStone Solutions: Strategische Trennung
Strategische Trennung: Eigene Wege für StepStone Solutions

Angesichts der zurückhaltenden Transparenz des Springer-Verlags ist es nicht ohne weiteres möglich, den Gesamtwert der kompletten StepStone-Übernahme zu beziffern. Hier ist man eher auf andere Informationsquellen angewiesen. So zitierte das Handelsblatt in einem Bericht vom 4.9.2009:  „Insgesamt zahle Springer dafür laut Konzerninsidern knapp 58 Millionen Euro“. Nun wird ein Filetstück, die Software-Solutions-Division, für 110 Millionen Euro verkauft – im nachhinein erweist sich wieder anmal, wie richtig Colin Tenwick mit seinem postulierten höheren Firmenwert lag. Wäre jedoch dieser Bewertungsansatz bei der Komplett-Übernahme Ende 2009 schon im Kaufpreis berücksichtigt worden, hätte Axel Springer etwa 110 Millionen Euro zusätzlich an die StepStone-Aktionäre bezahlen müssen. Durch geschicktes Taktieren konnte Springer dies verhindern und erzielt jetzt einen willkommenen „Windfall-Profit“.

Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd

Arianne Caoili
Arianne Caoili

Novizen im Schach, dem königlichen Spiel, lernen schon zuallererst zwei taktische Elemente des Spiels: Da ist einerseits das berühmt-berüchtige „Schäfer-Matt“, ein Mattangriff auf den gegnerischen König in nur drei Zügen.

Eine weitere wichtige Taktik ist die sogenannte „Springer-Gabel“, wenn der Springer mit einem einzigen Zug gleichzeitig die Dame und den gegnerischen König mit einer Mattdrohung angreift, ohne selbst geschlagen zu werden. Dann bricht kurzes Entsetzen aus, denn die Springer-Gabel hat sich dann wohl als spielentscheidendes Mannöver entpuppt.

Auf die Spitze dieser Taktik trieben es bei einem Turnier im Jahre 2000 in Malaga der russiche Großmeister Vladimir Epishin und die damals 14jährige, überaus charmante Arianne Caoili. Im 37. Zug witterte der mit den schwarzen Figuren spielende Epishin die Chance auf einen Bauerngewinn:  Wenn die gegnerische Dame zurückgeschlagen hätte, dann könnte Schwarz eine raffinierte Springer-Gabel folgen lassen und mit einem Köngisangriff in der Folge die weiße Dame zurückgewinnen.

Doch die attraktive Spielerin von Down-Under ließ sich nicht ins Bockshorn jagen und konterte ihrerseits mit ganz uncharmanter Raffinesse, nämlich mit einer weiteren Springergabel, die schwarze Dame drohte geschlagen zu werden. Als der russische Grossmeister Epishin dies erkannte, war alles eigentlich schon zu spät. Diese Schmach wollte er dann doch nicht erleben und gab folgerichtig die Partie auf.

Wie es scheint, haben die Übernahme-Mannöver des Springer-Konzern eine ähnliche taktische Raffinesse erreicht, die „Springer-Gabel“ gewinnt nun eine ganz neue Interpretation.

Wo Geld vorangeht, sind alle Wege offen

Doch trotz dieser brillianten Übernahmestrategie gewann Axel Springer nicht nur ein erfolgreiches Karriereportal, bei ihrem Fischzug  ging ihnen auch mit der StepStone-Solutions-Division ein Unternehmensbereich ins Netz, eine Division, die sich eigentlich mit einem ganz verlagsuntypischen Geschäft, der Software-Entwicklung und dem Vertrieb, beschäftigte. Dies passte eigentlich nicht in das strategische Konzept des Springer-Konzerns und so war es nur naheliegend, daß auch für diese Situation eine Lösung angestrebt wurde.

Und die Fakten sprachen eindeutig für eine Loslösung des Software-Geschäfts.

  • Axel Springer war strategisch nur an der Online-Division – dem Stellenanzeigen-Geschäft – von StepStone interessiert
  • Ein Softwarehaus, auch wenn es noch so gut am Markt positioniert ist – passt weder in das strategische noch operative Konzept eines internationalen „Digitalen Medienkonzern“
  • Die Rentabilität der beiden StepStone-Divisions spricht momentant eindeutig für das Online-Anzeigengeschäft: hier wurde eine Profitabilität von 24% erwirtschaftet, die Kollegen des Solutions-Bereichs, dem Software-Entwicklungs- und Vertriebsbereichs für HR-Management-Tools erreichte im Vergleich 11%.
  • Das Software-Geschäft ist eigentlich ein stark personalintensiver Bereich, für die Entwicklung, Maintenance und den Vertrieb sind spezialisiertes Know-How und Fähigkeiten verlangt, die mehrjährige Erfahrung voraussetzt; anders sieht die Lage im Geschäft mit den Stellenanzeigen aus: das Online-Geschäft besteht im wesentlichen aus Publishing, Indexing, Searching und Matching von Informationen in Datenbanken – diese prozesse können und müssen hochgradig automatisiert sein, um wirtschaftliche Skaleneffekte zu erzielen.
StepStone Profitabilität Geschäftsbereich Solutions 2008

Der nun angekündigte Verkauf der Solutions-Division am dem Venture Capitalist HgCapital stellt für die Software-Division ein nahezu ideales Eigentümer-Szenario dar. Jahrelang waren unter den Eigentümern des StepStone-Konzerns der Venture Capitalist GeoCapital Partner, Orkla oder Investor AB als institutionelle Investoren beteiligt, die dem Board of Directors unter der klugen und vorausschauenden Führung von CEO Colin Tenwick viel Spielraum lies. Und so fühlen sich auch einige der Führungskräfte der StepStone-Gruppe wieder wohler mit einem neuen Eigentümer – und sie sind weiterhin in einem Geschäftsbereich – Software-Entwicklung und Software-Vertrieb – tätig, der ihre bisherige berufliche Karriere prägte.

  • Colin Tenwick war vor seinem Amtsantritt bei StepStone in führenden Positionen beim LINUX-Vertriebsunternehmen Red Hat tätig
  • Matthew Parker verfügt über langjährige Erfahrungen im Bereich der Human Capital Software und war vor seiner StepStone-Zeit für i-Grasp, einem britischen Softwarehaus für Personalmanagement-Software tätig.
  • Ralf Baumann sammelte wichtige Führungserfahrungen bei dem US-Softwarehaus „PeopleSoft“ und beim Walldorfer Softwarekonzern SAP, wo er im Bereich Personalmanagement-Software tätig war.

Es ruht noch manches im Schoß der Zeit, was zur Geburt will

Dr. Carsten Busch, StepStone Solutions

Mit der Übernahme der ExecuTRACK Software Gruppe und Umwandlung zu StepStone Solutions verfolgte StepStone die Strategie, gegenüber dem kurzfristig schwankenden und konjunkturabhängigen flukturierenden Cash Flow aus dem Stellenanzeigen-Geschäft ein Gegengewicht aufzubauen. Das Geschäftsmodell für das Human-Capital-Software-Geschäftist mittel- bis langfristig ausgelegt: Höhere Anfangsinvestionen für die Software-Entwicklung, langere Pre-Sales-Zyklen und qualifizierte Pre-Sales Beratung für erklärungsbedürftige Software-Lösungen stellen höhere Anforderungen. Andererseits sind nach Vertragsabschlüssen stabile, kontinuierliche Erträge aus den Software-Nutzungsgebühren zu erziehlen.

StepStone Solutions ist eigenen Angaben zufolge globaler Marktführer im Bereich des IT-gestützten strategischen Personalmanagements. Die vollständig web-basierte Lösung ETWeb Enterprise, auf Basis über 20-jähriger Erfahrung entwickelt, unterstützt Unternehmen bei der Analyse des Humankapitals und deckt alle Bereiche des Human Capital Managements ab: Personalmanagement, Performance Management, Compensation Management, Skill- & Kompetenz-Management, Laufbahn- & Nachfolgeplanung, Weiterbildungsmanagement, Organigrammerstellung sowie Global Talent Warehouse. ExecuTrack wurde von Dr. Andreas Hoynigg aufgebaut und geleitet, nach der Übernahme durch StepStone ist er mittlerweile aus dem Konzern ausgeschieden. Hoynigg ist nun Geschäftsführer der HR Vertriebs GmbH in Düsseldorf.  StepStone Solutions hat eine Kundenbasis von über 1.400 Kunden in 40 Ländern und beschäftigt über 400 Mitarbeiter in 16 Ländern.

Für die von HgCapital übernommene Software-Solutions-Gruppe liegen die Prioritäten auf dem Tisch.

StepStoners: Wolfgang Bruhn (links) und Frank Hensgens (rechts)
StepStoners: Wolfgang Bruhn (links) und Frank Hensgens (rechts)

Die bisherige gemeinsame Führungsriege von StepStone ASA und insbesondere der StepStone-Gruppe in Deutschland wird wohl auseinander dividiert werden. Die „Onliner“ des bisherigen Stellenanzeigengeschäfts verbleiben bei Springer, denn sie werden für die Fortsetzung der Digitalisierungsstrategie des Springer-Konzerns dringend benötigt.

Die Software-Solutions-Gruppe wandert in die neue Gesellschaft ab und müssen wichtige Hausaufgaben erledigen. Gefragt ist zunächst die Kontinuität bei Mitarbeitern in der Software-Entwicklung, Kundenbetreuung und im Vertrieb, um die möglichst reibungslose Fortsetzung des Geschäfts aus Sicht der Kunden zu gewährleisten. Die kritischen Erfolgsfaktoren Mitarbeiterbindung, Kundenzufriedenheit und Sicherstellung der Kundeninvestitionen in Software-Lösungen im Human Capital Bereich sind jetzt entscheidend.

Darüberhinaus muss sich die „Neue Gesellschaft“ um eine Neupositionierung am Markt kümmern. Vermutlich verbleiben die Namensrechte an „StepStone“ beim Axel Springer Verlag, demzufolge benötigt die Software-Gruppe eine neue Marke, eine neue Identidät und eine weiterhin erfolgreiche Positionierung am Markt.

Die neue „Stepstone Solutions“ muss nun ihre Positionierungsaufgaben selbst lösen.

Weiterführende Links

Handelsblatt:  
Axel Springer poliert seine Bilanz auf

WELT:
Axel Springer verkauft einen Teil von Stepstone

Horizont:
Axel Springer verkauft Software-Sparte von Stepstone

Crosswater Job Guide:
…Verliebt – verlobt – verheiratet: Axel Springer buhlt erfolgreich um StepStone

Axel Springer Verlag:
Axel Springer wird StepStone-Übernahmeangebot auf NOK 9,00 pro Aktie erhöhen

blogaboutjob.de:
Axel Springer weitet sein Engagement bei StepStone aus

JOBlog:
Wenn Du es baust, werden sie kommen

Online-Recruiting.Net:
Axel Springer verkauft StepStone Tochter Solutions an die britische HgCapital

manager magazin:
Stepstone -Springer steigt bei Jobbörse ein

Axel Springer AG

HgCapital

StepStone ASA

StepStone Solutions

.

4 Kommentare zu „Abschied ist solch bittersüßer Schmerz: Springer verkauft StepStone Solutions für 110 Mio. Euro“

  1. Lieber Gerhard,
    welch elegante redaktionelle Berichterstattung 🙂

    Grossartiger Text zu einem sensationell ‚guten Deal‘ von Axel Springer,
    der mal wieder beweist, welch gute Manager auf M&A Seite bei Springer arbeiten, denn sicher ist, dass Sie genau wussten, wann die Verträge und vor allem maintenance Verträge in der Software Sparte revolvieren.

  2. Thomas, Danke für die Blumen.

    Aber bei der Formulierung der Titelzeile und der Kapitelüberschriften hatte ich eine gewisse Hilfestellung aus England bekommen. Nein, es war nicht der PR-Manager von StepStone oder ein Schlagzeilen-Redakteur der Zeitung mit den grossen Buchstaben – sondern ein in Recruitingkreisen nicht ganz so bekannter englischer Bühnen-Theater-Autor. Dieser hat mir eine Sammlung von knackigen Zitaten und Lebensweisheiten aus der Welt der M&A Branche und der Hochfinanz zur Verfügung gestellt, die ganz prima zu dem Text und der Story passten – und die auch noch viel Lebensweisheit enthielten. Es handelt sich allerdings um einen eher obskuren Gesellen, wer weiß, wer sich hinter seinem Pseudonym Billy Shakespeare wirklich verbirgt. Aber es passt halt gut zum Text. Und eine Überschrift habe ich beim besten Willen nirgends untergebracht: „Ich bin nichts, wenn ich nicht lästern darf“.
    Grüsse nach München, Gerhard

  3. Pingback: | JOBlog - der Job & Karriere Blog

  4. Pingback: Stellenanzeigen Print vs Online: Die Mediensubstitution ist nicht mehr aufzuhalten | Crosswater Job Guide

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.