Digitale Arbeitsmarktplattform Upwork vor dem Börsengang – Disruption des Jobbörsen-Geschäftsmodells?

Von Gerhard Kenk, Crosswater Job Guide
Die Vorbereitungen sind in vollem Gang. Upwork, der Betreiber der digitalen Arbeitsmarktplattform für Freelancer, plant einen Börsengang und zielt darauf ab, über 100 Millionen US-Dollar zusätzliches Aktienkapitals zu beschaffen. Das geplante IPO (Initial Public Offereing) an der NASDAQ Börse in New York signalisiert, dass der digitale Arbeitsmarkt für Freelancer eine immer wichtigere Rolle angesichts des Fachkräftemangels  und dem verstärkten Trend zu Gig-Economy spielt. Doch es gibt auch Risiken und potentielle Auswirkungen auf das Jobbörsen-Geschäftsmodell.
 
Digitale Arbeitsmarktplattformen: Hat die Arbeitsbörse ausgedient?

Börsengänge von Internet-Startups sind spätestens seit der Dot.com-Krise der Jahre 2000 und 2001 in Verruf geraten. Damals, beim vorläufigen Höhepunkt des Internet-Hype, wurde das von Investoren beschaffte Kapital nicht in das Anlagevermögen des Start-up-Unternehmens (z.B. in zusätzliches Personal, Produktentwicklung usw.) investiert, sondern direkt in die Ausgaben für Marketing und Vertrieb umgeleitet. Falls die Marketing-Maßnahmen nicht erfolgreich waren, war das neue Kapital perdu und brachte so manches Start-up an den Rand einer Existenskrise.

Upwork hingegen steht 15 Jahre nach der Dot.com-Krise an der Schwelle zur Profitabilität.
  • Upwork erzielte im letzten Geschäftsjahr per Ende 2018 insgesamt 228 Millionen US-Dollar Provisions-Umsatz, basierend of einer Auftragsgröße von 1.56 Milliarden US-Dollar Arbeitsvolumen. Die Vertriebserlöse wachsen derzeit ca. 20 Prozent.
  • Allerdings schreibt Upwork derzeit noch rote Zahlen, der Verlust in den letzten 6 Monaten des abgelaufenen Geschäftsjahr per Ende 2018 betrug 7.1 Millionen US-Dollar.
  • Etwa 2 Millionen Projekte (direkte Aufträge an Freelancer) wurden über die UPWORK-Plattform abgewickelt, darunter Freelance-Projekte für Finanz-Experten, Software-Entwickler und Designer, Marketing-Spezialisten oder Autoren unterschiedlicher Bereiche. Zur Zeit verzeichnet UPWORK etwa 375.000 Freelancer und 475.000 Kunden (Auftraggeber) auf ihrer Plattform.

Allerdings dürfen die Risiken, die beim IPO von UPWORK, vorhanden sind, nicht ausser Acht gelassen werden.

  • Das Unternehmenswachstum hat sich auf weniger als 30 Prozent reduziert, zusätzliche Umsätze wurden mit erheblich gestiegenen Vertriebs- und Marketing-Kosten erzielt
  • Digitale Arbeitsmärkte für Freelancer sind heute kein wirklich neues Geschäftsmodell und der Sättigungspunkt dürfte bald erreicht sein. Als UPWORK gegründet wurde, waren Wettbewerber wie Uber, Lyft oder AirBnB überhaupt noch nicht am Markt. Für Designer erscheint mit 99designs.com ein neuer Wettbewerber am Markt.

Die Arbeitsweise von UPWORK

Carsten Bleek, Gründer und Geschäftsführer von Cross-Solution

Carsten Bleek ist Gründer und Geschäftsführer der in Frankfurt/M ansässigen IT-Entwicklungs- und Dienstleistungsfirma Cross-Solution. In einem Interview mit Crosswater Job Guide erklärte Bleek, wie am Beispiel von YAWIK die Arbeitsweise von UPWORK sich in allen Phasen eines Freelance-Entwicklungsprojekts darstellt. YAWIK ist ein Anwendungssystem für Bewerbermanagement, Lebenslauf-Datenbank und Anzeigen-Management und wurde als Open-Source Projekt weitgehend mit Experten der Upwork-Plattform erstellt.

Crosswater Job Guide: Wie funktioniert die Projektarbeit in einem Remote-Work-Umfeld? 

Carsten Bleek: Die These, dass „Remote Work“ und „Open Source“ praktisch das selbe sind, vertrete ich seitdem ich Talks von Heiko Fischer gesehen habe.

Wenn wir also Open Source als eine Arbeitsweise verstehen, dann ergibt sich der wesentliche Unterschied bei der Ausschreibung in der Formulierung. Klassisch beinhaltet eine Stellenanzeigen eine Aufgabenbeschreibung, einen Anforderungskatalog und eine Liste von Benefits. Das muss man so machen, wenn man um eine begrenzte Anzahl Bewerbern buhlt, die lokal arbeiten sollen. Wenn man die Stelle global ausschreibt, sieht man sich mit einer ganz anderen Menge von potentiellen Entwicklern konfrontiert.

Ausschreibung

Wenn man darauf verzichten kann, dass ein Entwickler lokal arbeiten muss, dann kann man in den Ausschreibungstext das Problem beschreiben, welches gelöst werden muss. Ein Recruiter wird bei dem Beispiel einer 2 Jahre alten Anzeige schnell erkennen, was ich meine.

Auswahl der Experten

Wenn die Ausschreibung so formuliert ist, dass sie nur Experten verstehen, dann ist die Auswahl einfach. Das funktioniert aber nur, wenn man genügend Experten erreicht. Aber natürlich muss die Plattform, über welche man Experten sucht, auch die Möglichkeit bieten, die Qualität beurteilen zu können.

Auftragserteilung

Für die Auftragserteilung braucht man etwas, was dem Remote Worker garantiert, dass er bezahlt wird. Es kann im großen Stil wie bei Gitlab laufen, die sich Gedanken über das Arbeitsrecht, Währungen und Inflationsraten in verschiedenen Ländern machen. Wenn man einfach nur anfangen will, dann nutzt man Remote Worker in Form von Freelancer. Die Plattform für die Auswahl muss die Funktion mitbringen Freelancer problemlos zu bezahlen.

Fortschrittskontrolle

Für die Fortschrittskontrolle solle eine Remote Worker Plattform nicht zuständig sein. Entscheidend ist übermittelter Quellcode, der automatische Tests besteht. Also Workflows im Github oder Gitlab. Die Remote Worker Plattformen bieten zwar viele Möglichkeiten der Kontrolle. Diese sollte ein IT Manager aber nicht nutzen, wenn er unabhängig bleiben will.

Kommunikation

Die Kommunikation zwischen Remote Workern ist anders. Im besten Fall nicht synchron sondern asynchron. Weil man ja davon ausgehen muss, dass man in anderen Zeitzonen arbeitet. Es ist anders als gewohnt. Aber am Ende besser.

Abschluss und Freigabe

Bei der internen Entwicklung kommt „Abschluss und Freigabe“ zum Mitarbeiter, der das Konzept gemacht hat, häufig zurück. Bei der Remote Entwicklung ist der DevOps Prozess besser. Die Freigabe findet automatisiert bei jeder Code Änderung statt. Der oft manuelle Prozess am Ende entfällt.

Die Bedeutung der Gig-Economy als Arbeitsmarkt nimmt zu

Mit der „Gig-Economy“ wir ein Arbeitsmarkt umschrieben, in dessen Mittelpunkt zeitlich begrenzte und mehrere aufeinander folgende Auftragsarbeiten stehen.

Herausforderungen bei digitalen Arbeitsmarktplattformen

Die Entwicklung von digitalen Arbeitsmarktplattformen wie Upwork wird im wesentlichen nicht von der Funktionalität der Such- und Vermittlungsprozesse bestimmt, sondern hängt entscheidend von der Fähigkeit der Betreiber ab, mit Hilfe einer bereits bestehenden Expert-Community diese Mitglieder und deren Skill-Profile im Freelancer-Pool zusammen zu fassen.

Neben den klassischen Business-Netzwerken wie LinkedIn oder Xing zeigt es sich, dass spezialisierte Communities für gewisse Fachbereiche bereits existieren. So haben sich zahlreiche IT-Experten und Softwareentwickler auf der Plattform GitHub zusammengeschlossen. Das war für Microsoft natürlich eine geeignete Experten-Gruppe, um sie nach der 26 Milliarden US-Dollar Übernahme von LinkedIn für relativ bescheidene 7,5 Milliarden US-Dollar aufzukaufen und für ihre Marketing-Strategien rund um das Thema OpenSource – eventuell auch Recruiting – zu nutzen.

Flexibilität für Arbeitgeber und niedrigere Löhne

Die Digital-Arbeitsmärkte bringen für Arbeitgeber bzw. Auftraggeber höhere Flexibilität bei der Auswahl der Freelancer. Dies ist in erster Linie bedingt durch eine hohe Anzahl von Freelancern, die auf solchen Plattformen registriert sind und ihre Dienstleistungen und Expertise anbieten. Die Digital-Arbeitsmärkte operieren häufig international und sind 24/7 verfügbar. Andererseits erzielen Freelancer  – falls sich nicht zu den hochspezialisierten Experten zählen – bei der Aneinanderkettung von Aufträgen in der Summe niedrigere Honorare als bei fest angestellten Arbeitsverhältnissen.

Eine detaillierte Analyse über die Lage der Freelancer in Amerika wurde von MBO Partner veröffentlicht. Die Analyse zeigt auf, welche Motivation für Freelancer vorhanden ist, um eine unabhängige Tätigkeit zu bevorzugen.

Im weiteren analysieren die Autoren von MBO Partners die Struktur des Freelancer-Markts in den USA insbesondere im Hinblick auf die erzielbaren Honorare. Hochqualifizierte Experten erzielen höhere Honorare als fest angestellte Beschäftigte, weniger qualifizierte Freelancer verdienen weniger.

Ein Überblick der jährlichen Einkommen zeigt eine Analyse von Prudential:

 

Die Gig-Economy schafft ein neues Präkariat

In einem Interview mit der britischen Soziologin Ursula Huws berichtete der Standard.at über die Risiken und Nachteile der Gig-Economy.

Die Gig-Economy ist kein Vergnügen, sagt die britische Soziologin Ursula Huws. Die Neuorganisation von Arbeit über digitale Plattformen und Kundenbewertungen schafft vielmehr ein neues Cybertariat, das versucht, mit Klicks über die Runden zu kommen.

Ursula Huws (Foto: picturedesk.com / robert newald)

Ursula Huws erforscht die digitale Arbeitspraxis. Sie heißen „Clickworker“, „Upwork“ oder „Amazon Mechanical Turk“ – Onlineplattformen, die digitale Akkordarbeit vermitteln. Das heißt: Fotos und Bilder kategorisieren, Likes auf Firmen-Websites setzen, sekundenschnell entscheiden, welche Inhalte auf Facebook, Youtube und Co erscheinen dürfen.

Weniger versteckt, aber ebenso digital gesteuert arbeiten Fahrer von Taxi- und Lieferservices wie Uber und Foodora. Kaum jemand hat die vernetzte Arbeitsvermittlung so gut erforscht wie Ursula Huws. Die britische Arbeitssoziologin beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren mit den Veränderungen der globalen Arbeitsteilung, seit den 90er-Jahren vor allem in Bezug auf die Folgen der Digitalisierung – und leistete damit Pionierarbeit bei der Erforschung der Transformationen in der Internetära.

STANDARD: Sie haben bereits vor 15 Jahren den Begriff „Cybertariat“ geprägt. Wer sind die Menschen, um die es sich dabei handelt?

Ursula Huws: Als ich den Begriff entwickelte, gab es einen großen Hype um die sogenannte Wissensgesellschaft. Es gab die Vorstellung, dass in Zukunft nur gut ausgebildete Wissensarbeiter autonom und selbstbestimmt tätig sind. Es schien, als ob die alten Tage der Industrialisierung Geschichte sein würden. Von da an würde Arbeit ein Vergnügen sein. Basierend auf meiner empirischen Forschung, zeigte sich jedoch deutlich, dass viele der neuen Jobs rund um Datenverarbeitung extrem monoton, fremdbestimmt und fragmentiert sind und zu neuen Formen eines Prekariats führen würden. Der Begriff des Cybertariats soll die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die Arbeitsbedingungen dieser Datenarbeiter, obwohl sie keine Fabriksarbeit machen, sehr viel mehr mit dem Proletariat der Vergangenheit gemeinsam haben als mit der Vorstellung von Wissensarbeit.

Die Disruption des Jobbörsen-Geschäftsmodells

Obwohl die digitalen Arbeitsmarkt-Plattformen für Freelancer quantitativ noch keine große und signifikante Rolle am Arbeitsmarkt spielen, ist ein gewisser Trend zur Gig-Economy durchaus sichtbar. Die Analyse von MBO Partners zeigt auf, dass im Jahr 2018 nahezu 42 Millionen Menschen in den USA einen Tätigkeit als Freelancer ausgeübt haben. Einer Marktforschungsstudie von Ask Wonder zufolge waren weltweit etwa 154 Millionen Menschen als Freelancer tätig.

Digitale Arbeitsmarktplattformen wie UPWORK haben auch das Potential, das Geschäftsmodell der Jobbörsen zu ersetzen ergänzen. Traditionell fungieren Jobbörsen wie Stepstone, Monster, Indeed oder Jobware als digitale Agenten, die durch die Publikation von Stellenanzeigen (Angebot eines Arbeitgebers) und die Such- und Bewerbungsfunktionen für Jobsuchende (Nachfrage) eine Vermittlung ermöglichen. Diese Mittlerfunktion entfällt bei digitalen Arbeitsmarktplattformen, weil Freelancer / Experten ihre Fähigkeiten und Skills in einem Profil darstellen (Angebots-Pool) und potentielle Auftraggeber mit ihren Anforderungen diese Profile in Sekundenschnelle durchsuchen können (Nachfrage). Im klassischen Recruiting hingegen beträgt die tatsächliche durchschnittliche Besetzungsdauer bei Neueinstellungen über alle Altersgruppen hinweg 87 Tage, wie das IAB analysierte.

Dabei entfallen einige der unbeliebten  wichtigen Tätigkeitem im Recruiting:

  • Formulierung und Gestaltung von Stellenanzeigen
  • Veröffentlichung der Stellenanzeigen in geeigneten Jobbörsen
  • Reichweitensteigerung durch Multi-Posting und Einsatz von Jobsuchmaschinen
  • Erstellung von Bewerbungen mit Anschreiben und Lebenslauf
  • Abspeichern der Bewerbungen in Talentmanagement-Systemen der Arbeitgeber
  • Bewerber-Vorauswahl durch Keyword-Abfragen in den Talentmanagement-Systemen
  • Einladung der potentiellen Kandidaten zum Interview, gegebenenfalls mit vorgeschalteten Video-Interviews, wie sie z.B. durch Viasto angeboten werden

Die Funktionsweise des Freelancer-Arbeitsmarkts verändert auch andere wichtige Aspekte im Recruiting. Ein bedeutendes Merkmal ist der Reputation Score. Dieses Konzept wird im Banken-Sektor zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit eines Kunden benutzt. Im Recruiting dient der Reputation Score als kumulierte Bewertung eines Bewerbers, basierend auf  einem „digital footprint“, der Sammlung aller im Web verfügbaren Informationen über einen Bewerber.

Der Einsatz von Remote Work bei Freelancern beendet auch die klassische Präsenz-Arbeitsweise, die für viele Vorgesetzte immer noch eine heilige Kuh der Mitarbeiterführung ist. UPWORK schlachtet diese heilige Kuh und stellt eine hohe Transparenz der durchgeführten Arbeiten des Freelancers sicher.

Fazit

  • Digitale Arbeitsmärkte entwickeln und spezialisieren sich von reinen Experten-Freelancer-Märkten hin zu Low-Skill Jobs, quasi den digitalen Blue-Collar Jobs.
  • Der Aufbau von Kandidaten-Pools ist eine zentrale Aufgabe, die durch professionelle oder semi-professionelle Netzwerk-Communities (LinkedIn, Xing, Facebook, Github, Upwork, StackOverflow, ResearchGate) unterstützt wird
  • Die Suche nach geeigneten Freelancern, Auftragserteilung und Projektüberwachung gestaltet sich vollkommen neu im Vergleich mit bisher praktizierten Recruiting-Verfahren
  • Anforderungserstellung, Freelancer-Auswahl und Auftragserteilung können innerhalb von wenigen Stunden erfolgen
  • Im klassischen Recruiting beträgt die durchschnittliche Besetzungsdauer fast 90 Tage (IAB)
  • Digitale Arbeitsmarktplattformen werden zunächst keine umfassende Disruption des Jobbörsen-Geschäftsmodells nach sich ziehen, doch es bleibt abzuwarten, wie sich diese Plattformen zukünftig entwickeln
  • Digitale Arbeitsmärkte haben das Potential, den Experten-Fachkräftemangel zu mildern, weil die geographischen und zeitlichen Grenzen des Arbeitseinsatzes aufgebrochen werden.

 

Weiterführende Links

 

Unternehmenswebseite: Upwork

Crosswater Job Guide: Fachkräftemangel? IT-Experten kommen jetzt aus dem digitalen globalen Home-Office 

Seeking Alpha: Upwork: IPO Valuation Update

Techcrunch: Freelance marketplace Upwork files to go public on Nasdaq as UPWK

Standard.at: Arbeitsforscherin: „Die Digitalisierung kreiert ein neues Präkariat“

MBO Partners: The state of Independence in America

Prudential: Gig Workers in America 2018

Ask Wonder: Marktforschungsstudie über die Größe des weltweiten Freelancer-Arbeitsmarkt

IAB: Durchschnittliche Besetzungsdauer

Unternehmensseite: Cross-Solutions

OpenSource Software: YAWIK